eine kerbe liebe.

Ja, ich könnte sie säubern. In die Waschmaschine legen und die Spuren beseitigen lassen. Die Chucks sind schon lange nicht mehr weiß. An den Sohlen haften Monate. Mit ihnen unzählige Erinnerungen. Wenn ich mich auch nicht an alle erinnern vermag. Der Stoff ist an einigen Stellen ergraut. Das Leben hinterlässt seine Spuren. Man kann eben nicht alles einfach reinigen. Selbst nach einem ausgiebigen Schleudergang bleiben kleine Verfärbungen sichtbar und auch etliche weitere Versuche würden die kleine Einkerbung vorn am linken Schuh nicht ausradieren. Sie ist da. Und gehört wahrscheinlich auch genau dorthin.

Es war einer dieser Abende, an denen ich mich in mir selbst verlaufen hatte. Die Gedanken unendlich schwer. Der Körper zu schwach. Meine Chucks und ich flohen. Vor was, weiß ich auch heute nicht. Aber ich fliehe immer noch. Gelegentlich. Das Auto. Meine Comfortzone. Ich stellte die Musik an. Lied Nr. 12. Unzählige Male. Eine Lautstärke, welche die Gedanken verstummen ließ. Und ich fuhr. Planlos durch die Nacht. Es ist immer wieder merkwürdig. Hast du ein Ziel, wirst du gebremst. Alle Ampeln schalten auf rot. Als solltest du nicht ankommen. Oder lieber einen anderen Weg nehmen. Vielleicht ist das Ziel auch das falsche. Läufst oder fährst du aber einfach los, ohne zu wissen, warum oder wohin, scheint es so, als wäre das genau richtig. „Grün“ für ein Leben ohne Plan. „Grün“ für einfach drauf los. „Grün“ für Ankommen, ohne zu wissen, wo. Ich mag grün. Ich lächelte in mich hinein und ließ in diesem Moment alle Pläne hinter mir auf dem nackten Asphalt. Und trat so tief wie nur möglich auf das Gaspedal.

Einige Zeit später hielt ich in einer Seitenstraße an. Ich stellte den Motor ab, die Musik aus und ließ die Fensterscheiben runter. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ich hatte die Zeit vergessen. In mir machte sich diese seltene Zufriedenheit breit. Ich stieg aus dem Wagen und stolperte über einen großen schmutzigen Betonklotz, der vor der Bordsteinkante lag. Einige Sekunden lang ärgerte ich mich darüber. Es sind „weiße“ Chucks. Auf dem Klotz war ein Herz aus Kreide aufgemalt.

Diese Kerbe an meinem linken Schuh. Ich liebe sie.

schöne scheißtage.

Schon wieder Regen. Eigentlich mag ich Regen. Aber nicht an diesem Morgen. Nicht heute. „Scheißtag!“ denke ich, als ich ins Auto steige. Ich lege den Gang ein, löse die Handbremse und fahre los. Manche Wege haben keine Umwege. In Gedanken male ich mir eine schmale kurvige Straße aus, die am Meer entlangführt. Auf der anderen Seite Felswände. Ich mag Meer. Wellengang. Wasser schlägt ans Ufer. Einen Moment lang kann ich es hören. Gischt. Felsen. Wasser. Sehnsucht.

Adele singt für mich. Hello. Auch Herzen können Gänsehaut bekommen. Mein Herz ist dünnhäutig. Fast kommen mir die Tränen. Es regnet. Sag mal weinst du etwa oder ist das der Regen…? Ich denke in Lyrics. Furchtbar. Schön. Furchtbar.

Ich lenke den Wagen über die Baustelle. Jeden Tag die gleiche Baustelle. Auf der Brücke liegt Schutt. Steine. Risse im Asphalt. Wie jeden Tag drossele ich das Tempo, schalte zwei Gänge runter. Recht spät fällt mir auf, dass die Baustelle längst keine mehr ist. Die Brücke ist frei. Zwar liegen hier und da noch vereinzelt Steine herum. Fahren ist aber wieder möglich. Ich bin irritiert. Vielleicht existiert diese Baustelle schon länger nicht mehr. Nur in meinem Kopf.

U2 singen für mich.

…You’re on the road but you’ve got no destination
You’re in the mud, in the maze of her imagination
You love this town even if it doesn’t ring true
You’ve been all over and it’s been all over you

U2 – die kennen mich!! Ja. Genau so.

It’s a beautiful day
Don’t let it get away
It’s a beautiful day…

Doch nicht…!

Schwere Regentropfen auf der Frontscheibe. „Scheißtag!“ denke ich. In diesem Moment kommt die Sonne raus. Ich stehe kurz vor einer Ampel. Am Himmel ein Regenbogen.

Vielleicht haben U2 ja doch Recht…