rechnungen, die nicht aufgehen.

Ich sitze da. Einfach da. Und ignoriere die Warnzeichen. Das tu ich immer. So dasitzen und die unzähligen Warnzeichen ignorieren. Manches Mal ermahne ich mich selbst „jetzt ignorier doch nicht die Warnzeichen!… aber an der Umsetzung scheitert’s dann desöfteren immer. Es ist verzwickt. Dieses Leben. Jetzt hätte ich fast Lieben geschrieben. Habe ich. Aber dann hab ich es korrigiert. Lieben korrigieren. Das geht. Zumindest mit der Taste auf dem Mac. Das Leben korrigieren. Das ist schon schwieriger. Die jahrzentelange Mitgliedschaft beim Team „scheiß drauf“ lässt da wenig Spielraum.

Ja, wir haben es oft übertrieben. Zu oft? Dieser Gedanke wäre absurd gewesen. Denn damals, da dachten wir, wir wären unendlich. Ganz in echt. Für immer jung. Ein Leben lang. Ohne Konsequenzen. Wir lebten den Moment. Ein kleines Leben lang. Durchzechte Nächte mit Abstürzen auf ekligen Toiletten, an deren Türen lauter wunderbare Sätze standen, die dir – wenn alles raus war – garantierten, dass ganz schnell wieder was drin sein wird! Wir haben gelebt, gefeiert und gelacht. Und geweint und getanzt und die Nacht zum Tag gemacht. Hunderttausende Male. In den Nebelschwaden unseres Zigarettenqualms getanzt, als sei es unser ganz großer Auftritt. Sind von Bars gesprungen und auf Tischen geschwebt. Haben uns von den Mengen tragen lassen und jeden Funken und jeden Beat gelebt. Haben uns was vorgemacht und darüber gelacht, weil wir glücklich waren. Da war Vormachen okay. Denn es gab kein Morgen. Es gab nur den Abend. Den Moment. Das Jetzt. Den Kater am nächsten Morgen haben wir mit Ibu’s gefüttert. Und uns mysteriöse Drinks gemixt und dann das Klo runtergespült. Weil sie eklig waren. Und am nächsten Abend haben wir weitergemacht. „Schlaf wird überbewertet!“ – hätten wir uns am liebsten auf den Körper tatoowiert. Haben wir. Mit Filzstiften. Und drüber gelacht und uns dann verkrickelt und weitergemacht.

Und jetzt. Jetzt sitze ich hier. Neben mir das gute alte Bier. Und ich könnte heulen. Denn solche Eskapaden, so ein Lebensstil bleibt nicht ohne Folgen. Ich bin 31. Und tippe mit aller Gewalt  strg-z auf dem Mac an. Aber es passiert nichts. Und das wird es auch nicht. Es gibt kein Zurück. Das ist die bittere Erkenntnis. „Scheiß drauf, wir leben nur einmal…“ – JA! Wir leben nur einmal. Ich versuche seit Tagen, mein verdammtes Extra-Leben aus der Hinterhand zu schütteln. Und bin gescheitert. Und es gibt auch keinen Super Mario-Pilz, der mir ne weitere Chance gibt. Und wenn ich weg bin, dann gibt’s kein „WOLLEN SIE DAS LEVEL NEU SPIELEN?“ Dann war’s das. Und ich schaue mir schlaue Sprüche an. Sowas wie „do more of what makes you happy “ – und dabei könnte ich schon wieder kotzen. Denn ich war doch so happy! In diesen Momenten. Aber eigentlich ist dieser Spruch für’n Arsch. Es müsste vielmehr lauten „do more of what makes you happy. but think about that it must be allowed and healthy!“ Aber nun ja. Glück ist nicht unbedingt was Beständiges. Vielleicht auch nicht immer was Gutes. Vielleicht ja auch nur eine Formel aber nicht das Ergebnis. Und dann lese ich „Lieber bereue ich, es getan zu haben, als es nicht getan zu haben“. So ein Scheiß! Vielleicht auch nicht. Ach scheiß drauf!

strg+z

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farblos. einfach nur farblos.

So manche Wahrheit von gestern tut auch morgen noch weh.

Nichts böses ahnend flanierte ich mit einer lieben Freundin (ich nenne sie mal Katrin) zum TÜV Schrägstrich Autowerkstatt. Katrin ist blond, kennt sich mit Autos aus und hat gute Augen. Ich bin nicht blond, habe eine leichte (erhebliche) Sehschwäche und das einzige, was ich über Autos weiß, ist, dass ich sie gut fahren kann.

Kurz vor Erreichen des TÜV’s Schrägstrich Autowerkstatt – es war ein sonniger Tag, hier und da hingen ein paar wattebauschige Wolken am Himmel, die der Sonne aber nicht trotzen konnten – erfuhr ich etwas, das ich nicht erfahren wollte. Ehrlich, ich muss nicht alles wissen! „Oh Gott, du hast ja links graue Haare!!!“ schrie sie schon fast in die Welt hinaus und sah mich dabei mitleidig an (Katrin kann gut mitleidig gucken).

Stille.

Die Wolken zogen zu. Der Himmel grau. Ich, regelrecht verstört, suchte panisch in den Tiefen meiner Handtasche nach einem Spiegel. Und wieder „Du hast da seitlich links ja echt vieeeeeeele graaaaaauuuuueeeeeee Haare!“ Ich erntete so viele mitleidige Blicke mir namentlich nicht bekannter Personen, dass ich hätte eine Spendendose aufstellen und reich werden können. Aber ich war zu sehr damit beschäftigt, den Handspiegel in meiner Tasche nicht zu finden. Und wieder. „Du, Strähnen gehen nicht mehr, du musst jetzt komplett färben! Und das mit 30!“ Volle Breitseite. Ich schätze es ja immer sehr, wenn Menschen besonders ehrlich zu mir sind.

Bei Abholen des Wagens bin ich mir sicher, von den Automännern und anwesenden Kunden und auch von der fiesen Ladenkamera mit spöttischen Blicken ins Visier genommen und dann in eine Schublade verfrachtet zu werden. Alt. Grau. Abgestempelt. Abgelehnt. Man nennt mich nun Silberrücken. In einer Felge suche ich akribisch mein Spiegelbild ab. Und sehe es. Ich rücke so nah es geht, an die ausgestellte Chromfelge ran. Mein Atem hinterlässt bereits Spuren auf der Oberfläche. Gerade, als ich das erste farblose (nicht grau, es ist einfach nur farblos!) Haar rausrupfen möchte, kommt mir einer der Angestellten zuvor und bittet mich höflich, die Räumlichkeiten doch zu verlassen. Ich glaube, er hat Angst vor alten Menschen. Das Leben ist ein hartes.

Katrin lacht. Sie hat keine farblosen Haare. Katrin darf ab sofort nur noch rechts von mir sitzen. Und rechts von mir laufen. Sie schuldet mir jetzt viele Drinks.

Letzte Nacht schlief ich mit einer Mütze. Nie habe ich mir den Winter sehnlicher gewünscht.