Es ist der 31ste Herbst. Den Sommer vermisse ich nicht. Aber ich freue mich auch nicht auf den Winter. Ich bin ein Herbstkind. Geboren im goldenen Oktober. Und trage Silber. Kein Pullover kann mich wärmen. Selbst der dickste Mantel ist zu dünn. Die Kälte ist unerträglich. Ich bin (k)ein Herbstkind. Ich mag die Farben der Blätter, die draußen gerade – jetzt in diesem Moment – von den Bäumen fallen. Ich schließe die Augen und höre sie fallen. Blatt für Blatt. Ich trage schwarz. Ich bin kein Herbstkind. Ich bin die Jahreszeiten. Ich blühe auf. Verbrenne. Falle. Und gefriere. Es ist immer wieder dasselbe. Es ist unmöglich, alles auf einmal zu sein. Oder beständig zu sein. Die Dinge kommen und gehen. Der Wind legt sich kalt in meinen Nacken. Ich ziehe die Schultern an und laufe die Herzwände hoch. Sind wir schon da?

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whatever.

Es ist ein unglaublich schöner Tag.

Mitten im Menschenmeer. Über uns der Himmel. Vor uns die Bühne. Es regnet in unsere strahlenden Gesichter. Nichts und niemand kann uns in diesem Moment etwas anhaben. Solange wir jung sind, solange wir frei sind, solange wir steil gehn‘ singt VONA und wir glauben das. Das Beste kommt noch. Unsere Haare sind nass. Die Sonne scheint. Erst ein Regenbogen, dann ein zweiter darüber. Habt ihr jemals zwei Regenbögen am Himmel gesehen? Wir lachen bis über beide Ohren und weiter. Wir machen den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag. Jede Textzeile könnte von uns stammen. Wir tanzen. Singen lauthals mit. Mitten im Regen unter den Bögen und wollen hier nie mehr weg. Alles hüpft, alles swagt, alles tanzt.  Der nächste Song. Die Klänge der Instrumente gehen ins Mark. Unsere Herzen schlagen synchron zum Beat. Wir schließen kurz die Augen. Melancholie.

PAUSE. Vor uns unterhält sich eine Gruppe junger Mädchen. Freundinnen. Wir vor 15 Jahren. Oder irgendwie anders. Die Karten mit ihrem Taschengeld gekauft. Emma liebt den Gitarristen. Ein paar Konzerte lang. Vielleicht auch für immer. Egal. Solange wir jung sind, so lange wir frei sind, so lange wir steil gehn‘. Eine der Freundinnen wirft sich eine Pille ein. Pflichtbewusst um 20:00 Uhr – was haben Sie gedacht?! Sie unterhalten sich. Über das Leben. Über die Liebe. Und es ertönt „Wo ist der Sinn, Sinn, der mich am Leben hält?“ Und ich denke mir: scheiße, verdammt.  Habt ihr ein Glück. Dass das Beste noch kommt. Und die Menge springt.

Die Vorband verabschiedet sich. Und da kommt diese Melodie, dieses Lied, ich war nie so verliebt, war noch nie so verliebt und alles beginnt sich zu drehen.

Ich trage das Cap verkehrherum. Und springe mit dir an der Hand und der Musik im Herzen Richtung Himmel. Verrückte Nacht.

nachts ist alles möglich.

Ich schreibe mir die Nächte um die Ohren. Die Worte, die meinem Herzen entspringen, sind fühlbar. Spürbar. Millimeter für Millimeter kann ich jeden einzelnen Buchstaben, jedes Satzzeichen, auf dem Weg über meine Schultern bis hin zu meinen Armen und Handgelenken bis über meine Fingerspitzen, die sich dann auf die Tatstatur legen, fühlen.

Die Wände sind weiß. Meine Hände bluten, weil ich nicht weiß, wohin mit all den Zeilen. Ganze Wohnhäuser könnte ich bemalen. Vielleicht wären es auch bloß Punkte, die funkeln würden wie Sterne, bei dem Versuch, mich zur Sprache zu bringen. Ich öffne ein neues Dokument. In Sekundenschnelle habe ich mehrere Seiten gefülllt. Wirrwarr. Niemand, der versteht, was geschrieben steht. Eine Sprache, die noch nicht erfunden ist. Worte, für die es keine gibt. Meine Hieroglyphen werden musikalisch unterstützt. In den Noten liegt die Antwort. Man muss nur hinhören.

Ich höre immer wieder den gleichen Song. Und schlage mir die Nächte um die Ohren. Es sind die Töne, diese aberfeinen Klänge, die ausdrücken, was für scheinbar alle nicht entzifferbar geschrieben steht. Ich schließe die Augen. Alles ist klar. Sobald ich die Instrumente höre, kehrt innerliche Ruhe ein. Ich höre die Musik noch lange, nachdem sie ausgeschaltet ist. Manchmal spiele ich nachts auf der Gitarre die Sterne nach.

weil. wir.

Der Abend ist unsere angebrochene Flasche. Morgen schmeckt der Inhalt schal. Wir lassen nichts übrig und besorgen uns am Kiosk ein paar Flaschen Bier, die wir in die guten alten Zeiten schütten. Es soll Sommer sein. Aber was sagt ein Abrisszettel auf dem Kalender schon aus. Heute sind wir ein bisschen wie damals. Oder ist es das Bier, das immer noch so schmeckt wie früher? Auch die Treppe, auf der wir sitzen, ist in die Jahre gekommen. Irgendwer hat Glitzer gestreut. Wir lachen in die Ferne. Vor uns lässt ein Typ sein selbstgebautes Motorboot im See umherkreisen. Die ranzige Deichmann-Plastiktüte funktioniert als Segel ausgezeichnet. Manche Dinge halten ewig. Musik ertönt aus einem Ghettoblaster. Dazwischen Stimmen. Gelächter. Die Sonne geht bald unter. Die schönste Zeit des Tages.

Wir laufen durch den Park. Der Himmel ist ein Kunstwerk. Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe. Klick. Alle fotografieren mit ihren beschissenen Smartphones das gleiche beschissene Motiv, um es dann durch alle Filter zu jagen, zu #hashtagen und auf ihren Instagram-Accounts hochzuladen. Like. Like. Like. Die 168.123ste Ausführung. Der schönste Moment des Tages. Verpasst. Das Gebäude musste festgehalten werden. Ohne Foto existiert es nicht. Ist es nicht echt. Ohne Foto waren wir irgendwie nicht da. Wir müssen uns selbst davon überzeugen.

Einige Meter weiter chillt eine Menschentraube auf der Wiese. 200 Leute oder mehr. Wir realisieren erst etwas später die Stille. Niemand spricht. Nicht ein Wort. Die Gesichter blicken nach unten. Irgendwas ist da. Eine Pokemon-Arena. Herzlichen Glückwunsch! Es ist soweit. Wir reden überhaupt nicht mehr miteinander. Was ist bloß aus dieser Welt geworden? Eine Freundin verspätet sich um eine halbe Stunde. Sie musste noch #Pokemon jagen. Eine andere sagt einen Termin ab. Weil: Pokemon-Nachtwanderung. An uns fahren zwei Jugendliche mit ihren Rädern vorbei. Immer auf der Suche nach dem nächsten Pokestop. Ob die Welt wohl irgendwann ihre Schönheit verliert, weil niemand mehr zusieht?

Während andere ihren Blick nach unten gerichtet haben, schauen wir in die Sterne. Das Bier haben wir gegen Melonen-Sangrias eingetauscht. Ich spieße ein Stück Wassermelone auf und lächel vor mich hin. Die Musik ist umwerfend. Manche Momente muss man tanzen. Es ist kühl geworden. Die Zeit ist uns immer einen Schritt voraus. Wir laufen durch die City in den Morgen. Aus deinem Telefon ertönt Prinz Pi. Autos rauschen an uns vorbei. Unzählige Lichter. Lärm. Seit langem habe ich für einen Moment das Gefühl, die Stadt zu spüren. Wir atmen die Nacht. Zwischendurch springen wir. Einfach so. Und lachen.

petit fleur.

Mit geschlossenen Augen atme ich jede einzelne Duftnote ein, die mein Lieblingstee verströmt. Ein großer Becher wärmt meine bis eben noch kühlen Hände. Eigentlich für Latte Macchiatos oder dergleichen gedacht, aber wen kümmert das schon. Petit Fleur. Eine Zusammensetzung, die es nirgends sonst als in einem kleinen wunderschönen Lädchen gibt, das auf den ersten Blick gar nicht so ansprechend wirkt. Ja, einige besonders schöne Dinge verstecken sich immer wieder hinter unscheinbaren Fassaden. Früher besuchte ich dieses gemütliche Café öfter. Die Innenausstattung lädt zum Träumen ein. Nostalgische Caféhaus-Möbel mit Blumenmuster-Polstern. Die alten Holzlehnen erzählen immer wieder neue Geschichten. Hier und da ein paar grüne Lampions, welche die runden kleinen Tische und die Gesichter, die sich daran versammeln, schwach erleuchten. Dazwischen kleine silberne Teekannen. Verschiedene Teller und Tassen. Normfreie Zone. Herrlich. In diesem kleinen Laden sitzen unzählige Menschen nah beisammen und teilen sich mitunter eine lange Sitzbank. Freundliche Blicke werden ausgetauscht, das eine oder andere Lächeln, man kommt ins Gespräch. Hier scheint es, keine Außenwelt zu geben. Für diesen Moment. Man könnte meinen, an der Decke hinge ein unsichtbares Schild „Keine Smartphones. Nur Menschen“. Es ist schön. Die Kerbe auf dem Tisch ist immer noch da. Es gibt doch noch Dinge, die beständig bleiben. Mit den Fingerspitzen fahre ich die Maserung des Holzes an der Tischkante entlang. Wie seltsam schön es doch ist, dass Fehler und Macken einem das Gefühl von Sicherheit geben können. Mit dem verzierten Silberbesteck nehme ich das letzte Stück meines Kuchens auf. Hier wird noch selbst gebacken. Keine Massenproduktion. Eine verhältnismäßig kleine Auswahl für eine Menschheit, die es gewohnt ist, über einfach alles zu jedem Zeitpunkt und ohne Limit zu verfügen. Wann hat dieser Wahnsinn angefangen? Hier drinnen fühle ich mich sicher. Der Wahnsinn ist draußen. Dieser winzige Laden, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Noch einmal gehe ich die kleine Karte durch. Nichts hat sich verändert. Das muss es auch gar nicht. Manches ist gut so, wie es ist. Von der netten Bedienung lasse ich mir noch ein kleines Päckchen Tee mitgeben. Petit Fleur. Zu Hause.

fallen. lassen.

Mit angewinkelten Beinen springe ich. Ich springe. Und springe. Die Arme weit ausgestreckt. Flügel für den Augenblick. Die Leichtigkeit mit aller Kraft zusammengenommen. Mit geschlossenen Augen springe ich. So hoch ich kann. Den Himmel atmend. Is the sky the limit? Ich öffne die Augen. Betrachte meinen eigenen Schatten. Von hier oben sieht er winzig aus. Noch ein Sprung bis zu mir selbst. Und dann lasse ich mich fallen. Fallen in dem Wissen, dass ich aufgefangen werde. Ein Gefühl, das das Erreichen unendlicher Höhen möglich macht. Sanftes Fallen wie ein Blatt. Aufgefangen vom Wind. So hoch wir auch springen, so tief können wir fallen. Harter Aufschlag oder sanfte Landung. Am Ende kommt es nur darauf an, ob da Wind ist. Und ob du den Wind spürst.

eine kerbe liebe.

Ja, ich könnte sie säubern. In die Waschmaschine legen und die Spuren beseitigen lassen. Die Chucks sind schon lange nicht mehr weiß. An den Sohlen haften Monate. Mit ihnen unzählige Erinnerungen. Wenn ich mich auch nicht an alle erinnern vermag. Der Stoff ist an einigen Stellen ergraut. Das Leben hinterlässt seine Spuren. Man kann eben nicht alles einfach reinigen. Selbst nach einem ausgiebigen Schleudergang bleiben kleine Verfärbungen sichtbar und auch etliche weitere Versuche würden die kleine Einkerbung vorn am linken Schuh nicht ausradieren. Sie ist da. Und gehört wahrscheinlich auch genau dorthin.

Es war einer dieser Abende, an denen ich mich in mir selbst verlaufen hatte. Die Gedanken unendlich schwer. Der Körper zu schwach. Meine Chucks und ich flohen. Vor was, weiß ich auch heute nicht. Aber ich fliehe immer noch. Gelegentlich. Das Auto. Meine Comfortzone. Ich stellte die Musik an. Lied Nr. 12. Unzählige Male. Eine Lautstärke, welche die Gedanken verstummen ließ. Und ich fuhr. Planlos durch die Nacht. Es ist immer wieder merkwürdig. Hast du ein Ziel, wirst du gebremst. Alle Ampeln schalten auf rot. Als solltest du nicht ankommen. Oder lieber einen anderen Weg nehmen. Vielleicht ist das Ziel auch das falsche. Läufst oder fährst du aber einfach los, ohne zu wissen, warum oder wohin, scheint es so, als wäre das genau richtig. „Grün“ für ein Leben ohne Plan. „Grün“ für einfach drauf los. „Grün“ für Ankommen, ohne zu wissen, wo. Ich mag grün. Ich lächelte in mich hinein und ließ in diesem Moment alle Pläne hinter mir auf dem nackten Asphalt. Und trat so tief wie nur möglich auf das Gaspedal.

Einige Zeit später hielt ich in einer Seitenstraße an. Ich stellte den Motor ab, die Musik aus und ließ die Fensterscheiben runter. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ich hatte die Zeit vergessen. In mir machte sich diese seltene Zufriedenheit breit. Ich stieg aus dem Wagen und stolperte über einen großen schmutzigen Betonklotz, der vor der Bordsteinkante lag. Einige Sekunden lang ärgerte ich mich darüber. Es sind „weiße“ Chucks. Auf dem Klotz war ein Herz aus Kreide aufgemalt.

Diese Kerbe an meinem linken Schuh. Ich liebe sie.