staub.

Alle paar Jahre sortiere ich aus. Oft räume ich die Dinge nur von A nach B. Dennoch. Ich sortiere aus. Einiges findet dann doch auf Ebay einen neuen Besitzer. Anderes wandert in den Keller. Dorthin, wo all die Dinge altern, die ich aussortierte – von denen ich mich aber doch nicht trennen kann. Eine Jeans, die ich vielleicht irgendwann doch noch mal nicht tragen werde. Ein Buch, das ein Geschenk war und das ich schon aus diesem Grund nicht wirklich weggeben kann. Eine Glasschale, für die ich keine Verwendung finde, die ich aber irgendwann mal gekauft hatte, weil ich eine Idee für eine Verwendung hatte. Oder auch nicht. Ein Bettgestell, das eigentlich viel zu schmal aber so wunderschön ist, dass ich es nicht weggeben könnte. Mit jedem Umzug ziehen die Dinge, ich ich aussortiert habe, mit mir mit. Man könnte sie ja noch mal gebrauchen, rede ich mir ein. Oder brauche ich bloß das Gefühl, viele Dinge zu besitzen? Oder könnte ich Angst haben, Erinnerungen zu verlieren, wenn ich Dinge abgebe, mit denen diese verbunden sind? Oder bin ich einfach nur faul?

Neulich bekam ich zwei alte Fotos geschenkt, die mich im frühen Kindheits- und im Jugendalter zeigten. Die Person, die ich sein sollte, war mir fremd. Natürlich ist es schwer, sich so weit zurück zu erinnern. Aber selbst auf dem 16 Jahre alten Bild erkannte ich mich nicht. Nicht einmal an die Situation, in der das Foto entstanden ist, konnte ich mich erinnern. Die Miene ist undurchdringlich. Schwer zu erkennen, ob man traurig oder glücklich war. Ich frage mich, ob ich nicht vielleicht das Abbild eines der Gegenstände aus meinem Keller bin.

Vielleicht ist es an der Zeit. An der Zeit, sich von verstaubten Vergangenheiten zu trennen. Aufzuhören, sich selbst von A nach B zu räumen. In sich (zu) kehren. Vielleicht ziehen wir die Jeans, die seit 2014 im Keller liegt, noch einmal an. Nur um festzustellen, dass sie wirklich nicht gut sitzt. Ja und vielleicht schrauben wir irgendwann unser Bettgestell wieder zusammen. Und stellen dann fest, dass es zwar wunderschön ist, wir aber nicht mehr gut drin schlafen können. Vielleicht wühlen wir irgendwann in den ganzen alten Kisten und holen dann doch nur den Staub wieder raus. Wer weiß das schon.

Im Endeffekt hatten wir Recht. Was einmal aussortiert wurde, wird nicht wieder verwendet.

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Des Indianers größter Schmerz

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sagst du, nachdem du dich furchtbar doll gestoßen hast und dein Zeh bläulich schimmert. Eigentlich tut es ziemlich weh. Aber nun. Indianer spüren keine Schmerzen. Sagst du.

Auch ich benutze diese Floskel. Warum? Weil ich damit aufgewachsen bin. Weil wir alle doch irgendwann mal Indianer waren. Und irgendwann aufgehört haben, den Schmerz zuzugeben. Zu fühlen. Wir sind stark. Schmerzresistent. Indianer. Tag für Tag sitzen wir in unseren Tipis, reden uns ein, dass uns nichts und niemand etwas anhaben kann und verändern unseren Genotypen. Wir sind schon lange keine Indianer mehr. Vielleicht waren wir auch nie welche. Aber es ist schön, daran zu glauben. Oder?

Ja, vielleicht wurden wir von Beginn an indirekt darauf getrimmt, keine Schmerzen zuzugeben, keinen Schmerz zuzulassen. Ursprung. Das Fühlen verlernt. So als Vorbereitung auf das Leben. Unsere Eltern spendeten uns damals auf diese Art und Weise Trost. Und dieser Trost war gut. Ja. Alles nicht so wild. Alles halb so schlimm. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und in diesen Momenten glaubten wir auch daran. Alles war halb so schlimm. Es tat nicht mehr weh. Ein Satz reichte, um den Schmerz zu nehmen. Vielleicht wussten es unsere Eltern auch damals einfach besser.

Und so zieht sich dieser eine Satz wie ein roter Faden durch das Leben. Nur dass das kleine Wehwehchen inzwischen kein Wehwehchen mehr ist. Unser blauer Fleck misst heute andere Dimensionen. Herzen. Vielleicht ein unsagbar schmerzliches Ziehen in der Brust. Oder dieses Gefühl, dass das Herz droht, in abertausende Teile zu zerspringen. Doch wir sind stark. Lassen nicht zu. Spüren wenn überhaupt vielleicht sogar nur einen Bruchteil davon. Sagen wir. Wir sind viel stärker als das. Glauben wir. Und ziehen weiter. Ein Satz. Das nächste Tipi wartet.

Ja, vielleicht gibt es nichts schmerzlicheres, als festzustellen, keinen Schmerz mehr zulassen zu können.

 

glück.

5 Buchstaben. In der Definition heißt es „…besonders günstiger Zufall, erfreuliche Fügung des Schicksals.“ Aber kann Glück wirklich definiert werden? Pauschalisiert werden? Ist Glück messbar?

Wir suchen alle nach dem Glück. Streben nach Glück. Dem ganz großen Glück. Glück als Ist-Zustand. Doch scheitert dieser Wunsch nicht bereits an seiner Definition? Besonders günstige Zufälle bleiben Zufälle. Zufälle gibt es nicht am laufenden Band. Zufälle sind besonders. Würden Zufälle von Montags bis Sonntags 24/7 verfügbar sein, wären es keine Zufälle mehr. Also kann Glück kein Ist-Zustand sein. Oder doch? Dauerhaftes Glück – eine Unmöglichkeit? Bliebe noch die erfreuliche Fügung des Schicksals. Oder man wirft einfach alle Definitionen und das Schicksal über den Haufen. Glück ist eine subjektive Wahrnehmung. Es ist wie mit der Liebe. Schwer in Worte zu fassen. Schwer zu beschreiben. Fühlen. Das ist vielleicht der Schlüssel. Zum Glück. Und Schlösser hängen überall. Wenn man nur die Augen öffnet.

Du fragst mich „Bist du glücklich?“ Ich könnte jetzt weit ausholen. Mich in Begründungen versuchen. Und würde kläglich an der Beantwortung dieser Frage scheitern. Heute, jetzt, hier, in diesem Moment – ja, da bin ich glücklich. Morgen früh um 06:27 Uhr würde meine Antwort vielleicht anders lauten. Und übernächste Woche Freitag vielleicht wieder anders. Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, dass Glück diese kleinen manchmal unscheinbaren Momente sind, kurze Augenblicke, Begegnungen, eine liebevolle Geste. Ich sage dir, Glück ist…

…wenn du nach einem verdammten Scheisstag das Radio anstellst und dein Lieblingssong läuft

…wenn sich in der S-Bahn an einem verregneten Tag auf einmal Sonne und mit ihr ein Regenbogen am Himmel zeigt

…wenn dir nur ein kleines Wort ein Lächeln ins Gesicht zaubert

…wenn du herzlich über dich selbst lachen kannst, nachdem du ins Fettnäppchen getreten bist

…wenn in der Haribo Colorado-Tüte ein paar Frösche mehr drin sind als sonst

…ein langersehntes Wiedersehen

…ein Flügelschlag

…Lachen bis zum Bauchweh

…ein kleines Erfolgserlebenis

…Aufmerksamkeit

…teilbar

…Augen zu haben, die sehen, wahrnehmen und beobachten können

…Beine zu haben, die laufen, springen, hüpfen, tanzen und rennen können

…Hände zu haben, die berühren, fühlen, geben und halten können

…ein Herz zu besitzen, das Wärme schenken, Empathie empfinden, Liebe geben, fühlen, schlagen, rasen und klopfen kann

Glück ist.

entweder. oder nichts.

Auf der Suche nach der Mitte und der perfekten Mische. Scheitern wir an uns selbst.

Entweder wollen wir mit oder gegen den Strom schwimmen und verlieren dabei aus den Augen, dass wir für einen Moment aufhören könnten, in irgendeine Richtung zu paddeln und uns stattdessen einfach mal wieder an den Strand setzen könnten. Manchmal ist es schön, einfach zu ruhen. Sich zurückzulehnen, die Strömung vom Rand aus zu beobachten und eine Muschel zu sein. Muschel anstatt Fisch. Allein Sein statt einsam irgendwo im Schwarm zu verschwinden.

Wir wollen Extreme, ganz oder gar nicht, keine halben Sachen. Wir vergessen die Grauzone, in der es doch so herrlich bunt sein kann. Leben in schwarz/weiß, anstatt den Tuschkasten herauszukramen und unseren Himmel mit ein paar Farben bunter werden zu lassen.

Pur wollen wir. Echt wollen wir. Einzigartig und authentisch wollen wir sein. Und bei der nächstbesten Gelegenheit legen wir ein paar Instagram-Filter über die aus unserer Sicht unperfekten Bilder. Keine Makel. Keine Fehler. Nicht mal dieses kleine Lachfältchen, das so herrlich sympatisch und lebendig ist.

Wir sehnen uns nach Liebe und Anerkennung, während uns alles zu viel und nichts zu wenig ist. Eine feste Bindung ist zu fest. Eine lockere Geschichte zu locker. Unsere Anerkennung machen wir an Likes aus. An virtuellen Daumen. Während wir Tag für Tag Herzen verschenken und Hashtags unser Synonym für Liebe sind, ziehen wir immer höher werdende Zäune um unser echtes Organ, das zunehmend kleiner wird. Macht ja nichts, wir zoomen einfach ran, vergrößern den Bildausschnitt und legen zur Not halt einen Filter drüber! #Love

Wir streben nach dem ganz großen Glück. Und wundern uns, warum wir mit dauerhaft gesenktem Kopf in Richtung Smartphone nicht mal mehr die kleinen Momente wahrnehmen und erkennen können. Vielleicht liegt unser Glück ja irgendwo hinter dem Retina-Display.

Wir wollen Abenteuer und Verrücktheiten und orientieren uns tagtäglich an google maps. Bloß keine Umwege. Bloß keine Abzweigungen. Bloß nicht verlaufen. Immer nach Plan. Was ein Abenteuer!

Wir rahmen Sprüche und Weisheiten und hängen sie dann an unsere Wände. „Lebe deine Träume und träume nicht dein Leben“ – und während die Farbe am Rahmen bereits bröckelt und das Bild schief hängt, träumen wir unser Leben. Und kaufen einen neuen Rahmen für den nächsten Spruch.

Wir wollen mutig sein und hoch hinaus. Wir springen von Klippen, klettern Wände entlang und springen aus Flugzeugen aber unser eigener Schatten, der ist uns zu hoch.

Wir wollen Macher sein, versagen aber bereits beim Reden.
Denn wir haben ja keine Zeit. Und keine Kapazitäten. Für dieses eine Leben.

frühling.

So steh ich hier
vor dir
mit leeren Händen
und vollem Herzen
im Dreivierteltakt
während die Nacht
mich verschlingt
prasselt der Regen
leise an meinem randvoll
gefüllten Herzen ab
in meinen Händen
die Sterne
in meinen Augen die Ferne
in der Nähe wächst
mitten im Dunkeln
Frühling

freitagabendblues.

Warten. Während die Tage schneller an mir vorbeiziehen, als ich das Wort „Zeit“ überhaupt aussprechen kann, warte ich innerlich. Ich warte ständig auf etwas. Auf den Feierabend, der niemals kommt, weil ich nicht abschalten kann. Auf den Tag, an dem ich mich endlich selbst finde, auf den Zug, der niemals einfährt, auf den 6er im Lotto, obwohl ich nie einen Schein ausfülle, auf Anrufe, die ich nicht entgegennehme, weil ich entweder keine Zeit oder habe. Meine Gedanken teilen sich jede Millisekunde mit weiteren Gedanken und enden in winzig kleinen Partikeln, die morgen schon nicht mehr aufzufinden sind. Es sind zu viele. Runde Gedanken, die überall anecken. Zu viele „to do’s“. Dabei brauche ich manchmal dont’s. Vielleicht habe ich es verlernt, einfach mal nichts zu tun. Vielleicht konnte ich es aber auch noch nie. Ich sehne mich nach Ruhe. Nach Stille. Heimweh nach mir selbst. Ich warte im Dunkeln auf die Sonne. Vielleicht bin ich zu jung, um mir dieser Reise, die sich Leben nennt, bewusst zu sein. Während die Jahre wie Sand durch meine Finger rinnen, versuche ich krampfhaft, ein paar Körner einzufangen. Doppelseitiges Klebeband, an dem oftmals nichts weiter haften bleibt als die Zeichen der Zeit. Doch irgendwo dazwischen kleben Erinnerungen. Kleine Momente, die jeden Sturm überleben. Augenblicke, auf die es sich zu warten lohnt. Tiefe über die Weite hinweg. Das ist alles, was ich will.