Sitzgelegenheiten.

Ich sitze auf dem Holzboden. Mit dem Rücken angelehnt an der Heizung warte ich darauf, dass die Wärme, die sich von meinem Nacken beginnend über meine Wirbelsäule erstreckt auch mein Inneres erreicht. Mit dem Zeigefinger male ich ein paar Wolken in die Luft und starre auf weiße Wände. Momentaufnahme.

Ich sitze auf einem Holzstuhl. Ein nostalgisches Kissen trägt dazu bei, dass sich Holz einen Augenblick lang wie Watte anfühlt. Vor mir liegt ein Stück Zeichenpapier. Mit einem rosafarbenen Buntstift, dessen Spitze fast vollständig abgeflacht ist, male ich ein paar Herzen auf Papier. Kitschiger wird es heute nicht.

Ich sitze auf einem weißen Hocker im weißen Bad und starre auf weiße Armaturen vor weißen Wänden. Meine Fußnägel sind frisch lackiert. Dunkelrot wie der roteste Rotwein. Mit den Zehen berühre ich die schwarzen Fliesen. Rot als Grauzone. Bunter wird es heute nicht.

Ich sitze auf dem Bett. Die Beine zu einem halbwegs perfekten Schneidersitz geformt schaue ich aus dem Fenster. Die Sonne scheint in den Raum. Die Strahlen erreichen mein Gesicht nicht. Mit geschlossenen Augen neige ich den Kopf erst ein wenig nach links, dann nach rechts, um zumindest einen Sonnenstrahl auf meiner Haut spüren zu können. Wärmer wird es heute nicht.

Ich sitze auf der Tischplatte. Lasse die Beine baumeln. Wie ein kleines Kind auf einer Schaukel. Ich starre an die Decke. Kopflos in den Wolken. Nur ohne Wolken. Und mit Kopf. Könnte schlechter sein. Verträumter wird es heute nicht.

Ich sitze auf der Couch. Links von mir etwa zwei Meter. Rechts etwa zwei Meter. Ich versuche, die Mitte zu finden und rücke immer wieder hin und her. Ich entscheide mich gegen die Mitte und für den Herzplatz. Links also. Romantischer wird es heute nicht.

Ich stehe auf.
Laufe über den Holzboden.
Steige auf den Stuhl.
Springe vom Hocker.
Tanze auf dem Bett.
Lege mich auf die Tischplatte.
Und lasse mich auf die Couch fallen.

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verknotete knotenscheiße.

Es gibt einige wenige Dinge, die mich an den Rand der Verzweiflung treiben. Alle Jahre wieder gesellt sich ein weiteres Ding dazu. Bedauerlicherweise existiert auf meiner roten Liste kein Ausgleich. Die Dinge nehmen nicht ab, es kommen stetig neue hinzu. Im Job bin ich Expertin für das Lösen komplexer Sachverhalte. Nicht nur in der Theorie. Im Privatleben scheitere ich an eher simplen Dingen. Dem Leben zum Beispiel. Da ist er dann doch, dieser Ausgleich.

Meine Hass-Liste wird auch in diesem Jahr wieder (und wieder und wieder) von diesem einen Ding angeführt. Der LICHTERKETTE. Es bleibt mir ein Rätsel, wie sich in 5 Meter Länge gefühlte 47 Trillionen Knoten bilden können. Also mir geht da kein Licht auf. Verzeihen Sie diesen Wortwitz. Er ist schlecht. Aber für schlechte Witze leuchtet meine Ampel grün. Wo wir gleich zu Platz 2 kommen. Der Tanne. Googelt man Weihnachten, so findet man schnell die Assoziation „Besinnlichkeit“. Wie schön. Man kann sich vorstellen, wie besinnlich es wohl sein mag, 2 Stunden fluchend an dem Entfrumseln einer Lichterkette zu sitzen, sich drölfzigtausend mal beim Anbringen eben dieser Lichterkette an den Nadeln der besinnlichen Nordmanntanne zu pieksen, um dann nach 3 Stunden festzustellen, dass die Hälfte der Lämpchen an dieser scheiß Kette nicht leuchtet. Das macht dann wohl die inzwischen hellrot leuchtende Gesichtsfarbe wieder wett.

Zum Teufel mit dieser Lichterkette. Und dem Baum. Nächstes Jahr hämmere ich einfach 50 Nägel in die Wand und hänge die Kugeln daran auf. Besinnlichkeit 2.0 – so geht das!

Und jetzt erstmal ein Bier.

stumme schreie.

Montag. Dienstag. Mittwoch. Donnerstag. Freitag. Samstag. Sonntag. Manche Tage sind bloße Zusammensetzungen aus einzelnen Buchstaben. Wie Würfel. Jeder Wert wiederholt sich, es kommt nur darauf an, wie oft du würfelst. Immer wieder.
Andere Tage tragen Farben. Mal blau. Mal schwarz. Mal gelb. Mal rot. Heute trägt der Abend rot. Dezember. Viel zu warm für diese Jahreszeit. Kann es jemals zu warm sein? Es kommt auf die Perspektive an.

Ich sitze auf dem Balkon. Ohne Socken. Ein Glas Rotwein steht auf dem Tisch. Manche Dunkelheit verschluckt keine Farben. Aus einem Altenheim, das ein paar Häuserblocks weiter steht, ertönen Schreie. „Hilfe…“ tönt es so laut, dass mir der Unterton der männlichen Stimme einen kleinen Stich versetzt. „Hilfe…“ immer wieder. Offenbar hör niemand hin. Der alte Mann schreit weiter. Manchmal kann man schreien, so laut man will. Und so lange die Kraft dafür reicht. Es hört doch niemand zu. Ein Zug rauscht vorbei. Das Rattern der Räder auf den Schienen lässt die Schreie im Keim ersticken. Als würde eine größere Kraft den alten Mann verhöhnen. Ja, es gibt immer irgendwen oder irgendwas, das lauter ist als du. Vielleicht heißt es ja deshalb „stummer Schrei nach Liebe?“

Kurze Zeit später Stille. Fast unerträglich. Ich will schreien. Und doch bleibe ich stumm. Zu leise für das Leben? Oder zu laut? Ein Kontrast. Ein Handstand im Dunkeln. Die Perspektive ändert sich nicht. Vielleicht ändert sich der Wert, wenn die Würfel in andere Hände gelangen.

Ich schenke nach.

Zwei Stimmen sind lauter als eine. 

farblos. einfach nur farblos.

So manche Wahrheit von gestern tut auch morgen noch weh.

Nichts böses ahnend flanierte ich mit einer lieben Freundin (ich nenne sie mal Katrin) zum TÜV Schrägstrich Autowerkstatt. Katrin ist blond, kennt sich mit Autos aus und hat gute Augen. Ich bin nicht blond, habe eine leichte (erhebliche) Sehschwäche und das einzige, was ich über Autos weiß, ist, dass ich sie gut fahren kann.

Kurz vor Erreichen des TÜV’s Schrägstrich Autowerkstatt – es war ein sonniger Tag, hier und da hingen ein paar wattebauschige Wolken am Himmel, die der Sonne aber nicht trotzen konnten – erfuhr ich etwas, das ich nicht erfahren wollte. Ehrlich, ich muss nicht alles wissen! „Oh Gott, du hast ja links graue Haare!!!“ schrie sie schon fast in die Welt hinaus und sah mich dabei mitleidig an (Katrin kann gut mitleidig gucken).

Stille.

Die Wolken zogen zu. Der Himmel grau. Ich, regelrecht verstört, suchte panisch in den Tiefen meiner Handtasche nach einem Spiegel. Und wieder „Du hast da seitlich links ja echt vieeeeeeele graaaaaauuuuueeeeeee Haare!“ Ich erntete so viele mitleidige Blicke mir namentlich nicht bekannter Personen, dass ich hätte eine Spendendose aufstellen und reich werden können. Aber ich war zu sehr damit beschäftigt, den Handspiegel in meiner Tasche nicht zu finden. Und wieder. „Du, Strähnen gehen nicht mehr, du musst jetzt komplett färben! Und das mit 30!“ Volle Breitseite. Ich schätze es ja immer sehr, wenn Menschen besonders ehrlich zu mir sind.

Bei Abholen des Wagens bin ich mir sicher, von den Automännern und anwesenden Kunden und auch von der fiesen Ladenkamera mit spöttischen Blicken ins Visier genommen und dann in eine Schublade verfrachtet zu werden. Alt. Grau. Abgestempelt. Abgelehnt. Man nennt mich nun Silberrücken. In einer Felge suche ich akribisch mein Spiegelbild ab. Und sehe es. Ich rücke so nah es geht, an die ausgestellte Chromfelge ran. Mein Atem hinterlässt bereits Spuren auf der Oberfläche. Gerade, als ich das erste farblose (nicht grau, es ist einfach nur farblos!) Haar rausrupfen möchte, kommt mir einer der Angestellten zuvor und bittet mich höflich, die Räumlichkeiten doch zu verlassen. Ich glaube, er hat Angst vor alten Menschen. Das Leben ist ein hartes.

Katrin lacht. Sie hat keine farblosen Haare. Katrin darf ab sofort nur noch rechts von mir sitzen. Und rechts von mir laufen. Sie schuldet mir jetzt viele Drinks.

Letzte Nacht schlief ich mit einer Mütze. Nie habe ich mir den Winter sehnlicher gewünscht.

und am fenster klebte liebe.

Tage sind nicht gleich Tage. So wie Kaffee nicht gleich Kaffee und Schokolade nicht gleich Schokolade ist. Manche Tage sind Matschepampe. Unheimlich schwer, den Kaffee zu unterscheiden. Alles schmeckt gleich. Duftet gleich. Sieht gleich aus. Überall alles nichts. Analog-Käse auf dem Aufbackbrötchen. Containertage. Dann gibt es aber auch Tage, an denen der kleine Tisch am Fenster des unscheinbaren Cafés um die Ecke Venedig ist. Cantuccini die Steigerung von Genuss. Himmelblautage. Rosarotdurchzogen. An Himmelblautagen regnet es manchmal kleine Herzen aus den Wolken. Von dem Fensterplatz aus kann man die Liebe mit ein bisschen Glück beim Fliegen beobachten. Momentaufnahme. Der Duft von frisch gerösteten Kaffeebohnen erfüllt den Raum. Ein Herz wird von einem sanften Windstoß durch die Luft gewirbelt und landet auf der Fensterscheibe. Am nächsten Tag klebt es noch immer dort. Manchmal ist das vermeintlich unscheinbare Café in Wirklichkeit Venedig. Manchmal ist die Liebe näher als sie scheint. Liebe findet ihren Weg. An Himmelblautagen. Rosarotdurchzogen.

damals (teil II)

Weißt du noch, damals…
Damals, als unser Leben Jahrmarkt war.
Bunt und laut und voller Glitzerlichter.
Keine Nacht zu lang.
Kein Weg zu weit.
Wir tragen die Welt.
Allzeit bereit.
Für ein paar Flausen.
Einfach mal ohne „was wäre wenn“,
ohne „morgen“,
ohne Plan.
Wir leben im hier und jetzt.
Sammeln ein paar Augenblicke
für unsere Rucksäcke aus Zucker
und streuen dann Konfetti drüber.
Steig‘ ein
und fahr im Glücksmomentkarussell bis dir schwindlig wird.
Heute ist nicht mal Fliegen schöner.
Unsere Herzen tragen wir heute stolz in die Welt hinaus.
Ja heute kaufen wir Glückslose.
Rosafarbene Zuckerwatte.
Und basteln Träume draus.
„Gewinne, Gewinne, Gewinne…“
Ich schieße eine Plastikrose.
Nie hat Kitsch so geduftet.
Das Rad dreht sich langsam.
Zeitlupenromantik.
Wir können überall sein.
Hoch hinaus.
Jetzt und hier.
Haltestelle Himmel gleich links.
Barfuß auf Wolken tanzen.
Handstand.
Neue Perspektive.
Die Fahrt geht weiter.
Heute. Ja heute schnallen wir uns nicht an.
„Freiheit“ auf deinem Glückslos.
Es duftet süßlich nach gebrannten Mandeln.
Weißt du noch, damals…