nachts ist alles möglich.

Ich schreibe mir die Nächte um die Ohren. Die Worte, die meinem Herzen entspringen, sind fühlbar. Spürbar. Millimeter für Millimeter kann ich jeden einzelnen Buchstaben, jedes Satzzeichen, auf dem Weg über meine Schultern bis hin zu meinen Armen und Handgelenken bis über meine Fingerspitzen, die sich dann auf die Tatstatur legen, fühlen.

Die Wände sind weiß. Meine Hände bluten, weil ich nicht weiß, wohin mit all den Zeilen. Ganze Wohnhäuser könnte ich bemalen. Vielleicht wären es auch bloß Punkte, die funkeln würden wie Sterne, bei dem Versuch, mich zur Sprache zu bringen. Ich öffne ein neues Dokument. In Sekundenschnelle habe ich mehrere Seiten gefülllt. Wirrwarr. Niemand, der versteht, was geschrieben steht. Eine Sprache, die noch nicht erfunden ist. Worte, für die es keine gibt. Meine Hieroglyphen werden musikalisch unterstützt. In den Noten liegt die Antwort. Man muss nur hinhören.

Ich höre immer wieder den gleichen Song. Und schlage mir die Nächte um die Ohren. Es sind die Töne, diese aberfeinen Klänge, die ausdrücken, was für scheinbar alle nicht entzifferbar geschrieben steht. Ich schließe die Augen. Alles ist klar. Sobald ich die Instrumente höre, kehrt innerliche Ruhe ein. Ich höre die Musik noch lange, nachdem sie ausgeschaltet ist. Manchmal spiele ich nachts auf der Gitarre die Sterne nach.

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staub.

Alle paar Jahre sortiere ich aus. Oft räume ich die Dinge nur von A nach B. Dennoch. Ich sortiere aus. Einiges findet dann doch auf Ebay einen neuen Besitzer. Anderes wandert in den Keller. Dorthin, wo all die Dinge altern, die ich aussortierte – von denen ich mich aber doch nicht trennen kann. Eine Jeans, die ich vielleicht irgendwann doch noch mal nicht tragen werde. Ein Buch, das ein Geschenk war und das ich schon aus diesem Grund nicht wirklich weggeben kann. Eine Glasschale, für die ich keine Verwendung finde, die ich aber irgendwann mal gekauft hatte, weil ich eine Idee für eine Verwendung hatte. Oder auch nicht. Ein Bettgestell, das eigentlich viel zu schmal aber so wunderschön ist, dass ich es nicht weggeben könnte. Mit jedem Umzug ziehen die Dinge, ich ich aussortiert habe, mit mir mit. Man könnte sie ja noch mal gebrauchen, rede ich mir ein. Oder brauche ich bloß das Gefühl, viele Dinge zu besitzen? Oder könnte ich Angst haben, Erinnerungen zu verlieren, wenn ich Dinge abgebe, mit denen diese verbunden sind? Oder bin ich einfach nur faul?

Neulich bekam ich zwei alte Fotos geschenkt, die mich im frühen Kindheits- und im Jugendalter zeigten. Die Person, die ich sein sollte, war mir fremd. Natürlich ist es schwer, sich so weit zurück zu erinnern. Aber selbst auf dem 16 Jahre alten Bild erkannte ich mich nicht. Nicht einmal an die Situation, in der das Foto entstanden ist, konnte ich mich erinnern. Die Miene ist undurchdringlich. Schwer zu erkennen, ob man traurig oder glücklich war. Ich frage mich, ob ich nicht vielleicht das Abbild eines der Gegenstände aus meinem Keller bin.

Vielleicht ist es an der Zeit. An der Zeit, sich von verstaubten Vergangenheiten zu trennen. Aufzuhören, sich selbst von A nach B zu räumen. In sich (zu) kehren. Vielleicht ziehen wir die Jeans, die seit 2014 im Keller liegt, noch einmal an. Nur um festzustellen, dass sie wirklich nicht gut sitzt. Ja und vielleicht schrauben wir irgendwann unser Bettgestell wieder zusammen. Und stellen dann fest, dass es zwar wunderschön ist, wir aber nicht mehr gut drin schlafen können. Vielleicht wühlen wir irgendwann in den ganzen alten Kisten und holen dann doch nur den Staub wieder raus. Wer weiß das schon.

Im Endeffekt hatten wir Recht. Was einmal aussortiert wurde, wird nicht wieder verwendet.

weil. wir.

Der Abend ist unsere angebrochene Flasche. Morgen schmeckt der Inhalt schal. Wir lassen nichts übrig und besorgen uns am Kiosk ein paar Flaschen Bier, die wir in die guten alten Zeiten schütten. Es soll Sommer sein. Aber was sagt ein Abrisszettel auf dem Kalender schon aus. Heute sind wir ein bisschen wie damals. Oder ist es das Bier, das immer noch so schmeckt wie früher? Auch die Treppe, auf der wir sitzen, ist in die Jahre gekommen. Irgendwer hat Glitzer gestreut. Wir lachen in die Ferne. Vor uns lässt ein Typ sein selbstgebautes Motorboot im See umherkreisen. Die ranzige Deichmann-Plastiktüte funktioniert als Segel ausgezeichnet. Manche Dinge halten ewig. Musik ertönt aus einem Ghettoblaster. Dazwischen Stimmen. Gelächter. Die Sonne geht bald unter. Die schönste Zeit des Tages.

Wir laufen durch den Park. Der Himmel ist ein Kunstwerk. Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe. Klick. Alle fotografieren mit ihren beschissenen Smartphones das gleiche beschissene Motiv, um es dann durch alle Filter zu jagen, zu #hashtagen und auf ihren Instagram-Accounts hochzuladen. Like. Like. Like. Die 168.123ste Ausführung. Der schönste Moment des Tages. Verpasst. Das Gebäude musste festgehalten werden. Ohne Foto existiert es nicht. Ist es nicht echt. Ohne Foto waren wir irgendwie nicht da. Wir müssen uns selbst davon überzeugen.

Einige Meter weiter chillt eine Menschentraube auf der Wiese. 200 Leute oder mehr. Wir realisieren erst etwas später die Stille. Niemand spricht. Nicht ein Wort. Die Gesichter blicken nach unten. Irgendwas ist da. Eine Pokemon-Arena. Herzlichen Glückwunsch! Es ist soweit. Wir reden überhaupt nicht mehr miteinander. Was ist bloß aus dieser Welt geworden? Eine Freundin verspätet sich um eine halbe Stunde. Sie musste noch #Pokemon jagen. Eine andere sagt einen Termin ab. Weil: Pokemon-Nachtwanderung. An uns fahren zwei Jugendliche mit ihren Rädern vorbei. Immer auf der Suche nach dem nächsten Pokestop. Ob die Welt wohl irgendwann ihre Schönheit verliert, weil niemand mehr zusieht?

Während andere ihren Blick nach unten gerichtet haben, schauen wir in die Sterne. Das Bier haben wir gegen Melonen-Sangrias eingetauscht. Ich spieße ein Stück Wassermelone auf und lächel vor mich hin. Die Musik ist umwerfend. Manche Momente muss man tanzen. Es ist kühl geworden. Die Zeit ist uns immer einen Schritt voraus. Wir laufen durch die City in den Morgen. Aus deinem Telefon ertönt Prinz Pi. Autos rauschen an uns vorbei. Unzählige Lichter. Lärm. Seit langem habe ich für einen Moment das Gefühl, die Stadt zu spüren. Wir atmen die Nacht. Zwischendurch springen wir. Einfach so. Und lachen.

fallen. lassen.

Mit angewinkelten Beinen springe ich. Ich springe. Und springe. Die Arme weit ausgestreckt. Flügel für den Augenblick. Die Leichtigkeit mit aller Kraft zusammengenommen. Mit geschlossenen Augen springe ich. So hoch ich kann. Den Himmel atmend. Is the sky the limit? Ich öffne die Augen. Betrachte meinen eigenen Schatten. Von hier oben sieht er winzig aus. Noch ein Sprung bis zu mir selbst. Und dann lasse ich mich fallen. Fallen in dem Wissen, dass ich aufgefangen werde. Ein Gefühl, das das Erreichen unendlicher Höhen möglich macht. Sanftes Fallen wie ein Blatt. Aufgefangen vom Wind. So hoch wir auch springen, so tief können wir fallen. Harter Aufschlag oder sanfte Landung. Am Ende kommt es nur darauf an, ob da Wind ist. Und ob du den Wind spürst.

von Dingen.

Ich stehe mitten im Geschäft,  einen Zettel in der Hand haltend und frage mich, was ich hier überhaupt mache. Unzählige Begriffe umfasst die Liste. Dinge, die gebraucht werden. Dinge, die ich brauche. Die Liste abarbeitend lege ich Teil für Teil in den Einkaufswagen, der sich stetig füllt. Doch ich sehe nur Leere. Dinge, die ich (nicht) brauche. Stattdessen denke ich über die Dinge nach, die ich will. Sind diejenigen, die ich brauche auch die, die ich will? Ich will Frühling, ich wünsche mir etwas, das so süß ist, dass ich berauscht davon bin. Ich stehe vor unzähligen Blumen, die zum Verkauf angeboten werden und nehme nach und nach den Duft der einzelnen Sträuße wahr. Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Am liebsten würde ich alle kaufen. Es sind sicherlich um die 40. Die Vorstellung, aus meiner Wohnung ein Blumenmeer zu kreieren, gefällt mir. Blumen stehen nicht auf meiner Liste. Dinge, die ich nicht aufschreiben brauche, weil ich sie nicht vergessen würde. Letztendlich entscheide ich mich für Tulpen. Ohnehin hätte ich mich für Tulpen entschieden, ganz egal wie wunderschön alle anderen Blumen gewesen wären. Ich lege den Strauß behutsam in den Wagen. Und bin zufrieden. Kurze Zeit später bemerke ich, wie mich ein recht attraktiver Herr beobachtet. Ich laufe weiter. Den Strauß Tulpen vor mich herschiebend.

In dem Gang, in dem die alkoholischen Getränke angeboten werden, bleibe ich stehen. Die Auswahl ist erschlagend. Ich wähle das, was ich kenne. Was ich mag. Und überlege einen Moment lang, was das wohl über mich aussagt. Entschlossen lege ich den 4-Pack des guten alten Beck’s in neuer überarbeiteter Auflage in den Wagen. Der Mann beobachtet mich immer noch. Ich bin etwas irritiert. Und schaue in seinen Einkaufswagen. Er hat offensichtlich Kinder. Und ernährt sich ziemlich gesund. Sicher ein Vegetarier. Ich hasse diese Analysen! Jeder Mensch hat so Dinge, von denen er meint, ohne sie nicht leben zu können. Auch ich. Zumindest sage ich von mir selbst, ohne sie nicht leben zu wollen. Die Sparte #NichtOhneMeineLebensmittel wird mit Abstand angeführt von einem sehr köstlichen Gebäck. Und so gesellen sich auch Cantuccini dazu. Wer schonmal richtig gute Cantuccini gegessen hat, weiß, wovon ich spreche. Am liebsten würde ich die Packung sofort aufreißen! Ich halte mich zurück und freue mich über den Anblick. Frühling in Italien mit einem kühlen Bier.

Nachdem ich die restlichen Einkäufe im Wagen platziert habe, stelle ich mich in die Warteschlange und treffe auf den Mann, der mich nach wie vor beobachtet. Es erscheint mir etwas befremdlich und ich frage ihn höflich, ob ich irgendetwas im Gesicht hätte, weil ich der Ansicht wäre, dass er mich bereits seit mehreren Gängen beobachte. Seine Antwort auf diese Frage lässt mich an eine Postkarte erinnern, die gerahmt auf meinem Schreibtisch steht. Die besten Dinge sind jene, die es für Geld nicht zu kaufen gibt.

Mit einem Lächeln lege ich die Dinge, die ich will und die Dinge, die ich (nicht) brauche auf das Kassenband.

entweder. oder nichts.

Auf der Suche nach der Mitte und der perfekten Mische. Scheitern wir an uns selbst.

Entweder wollen wir mit oder gegen den Strom schwimmen und verlieren dabei aus den Augen, dass wir für einen Moment aufhören könnten, in irgendeine Richtung zu paddeln und uns stattdessen einfach mal wieder an den Strand setzen könnten. Manchmal ist es schön, einfach zu ruhen. Sich zurückzulehnen, die Strömung vom Rand aus zu beobachten und eine Muschel zu sein. Muschel anstatt Fisch. Allein Sein statt einsam irgendwo im Schwarm zu verschwinden.

Wir wollen Extreme, ganz oder gar nicht, keine halben Sachen. Wir vergessen die Grauzone, in der es doch so herrlich bunt sein kann. Leben in schwarz/weiß, anstatt den Tuschkasten herauszukramen und unseren Himmel mit ein paar Farben bunter werden zu lassen.

Pur wollen wir. Echt wollen wir. Einzigartig und authentisch wollen wir sein. Und bei der nächstbesten Gelegenheit legen wir ein paar Instagram-Filter über die aus unserer Sicht unperfekten Bilder. Keine Makel. Keine Fehler. Nicht mal dieses kleine Lachfältchen, das so herrlich sympatisch und lebendig ist.

Wir sehnen uns nach Liebe und Anerkennung, während uns alles zu viel und nichts zu wenig ist. Eine feste Bindung ist zu fest. Eine lockere Geschichte zu locker. Unsere Anerkennung machen wir an Likes aus. An virtuellen Daumen. Während wir Tag für Tag Herzen verschenken und Hashtags unser Synonym für Liebe sind, ziehen wir immer höher werdende Zäune um unser echtes Organ, das zunehmend kleiner wird. Macht ja nichts, wir zoomen einfach ran, vergrößern den Bildausschnitt und legen zur Not halt einen Filter drüber! #Love

Wir streben nach dem ganz großen Glück. Und wundern uns, warum wir mit dauerhaft gesenktem Kopf in Richtung Smartphone nicht mal mehr die kleinen Momente wahrnehmen und erkennen können. Vielleicht liegt unser Glück ja irgendwo hinter dem Retina-Display.

Wir wollen Abenteuer und Verrücktheiten und orientieren uns tagtäglich an google maps. Bloß keine Umwege. Bloß keine Abzweigungen. Bloß nicht verlaufen. Immer nach Plan. Was ein Abenteuer!

Wir rahmen Sprüche und Weisheiten und hängen sie dann an unsere Wände. „Lebe deine Träume und träume nicht dein Leben“ – und während die Farbe am Rahmen bereits bröckelt und das Bild schief hängt, träumen wir unser Leben. Und kaufen einen neuen Rahmen für den nächsten Spruch.

Wir wollen mutig sein und hoch hinaus. Wir springen von Klippen, klettern Wände entlang und springen aus Flugzeugen aber unser eigener Schatten, der ist uns zu hoch.

Wir wollen Macher sein, versagen aber bereits beim Reden.
Denn wir haben ja keine Zeit. Und keine Kapazitäten. Für dieses eine Leben.

freitagabendblues.

Warten. Während die Tage schneller an mir vorbeiziehen, als ich das Wort „Zeit“ überhaupt aussprechen kann, warte ich innerlich. Ich warte ständig auf etwas. Auf den Feierabend, der niemals kommt, weil ich nicht abschalten kann. Auf den Tag, an dem ich mich endlich selbst finde, auf den Zug, der niemals einfährt, auf den 6er im Lotto, obwohl ich nie einen Schein ausfülle, auf Anrufe, die ich nicht entgegennehme, weil ich entweder keine Zeit oder habe. Meine Gedanken teilen sich jede Millisekunde mit weiteren Gedanken und enden in winzig kleinen Partikeln, die morgen schon nicht mehr aufzufinden sind. Es sind zu viele. Runde Gedanken, die überall anecken. Zu viele „to do’s“. Dabei brauche ich manchmal dont’s. Vielleicht habe ich es verlernt, einfach mal nichts zu tun. Vielleicht konnte ich es aber auch noch nie. Ich sehne mich nach Ruhe. Nach Stille. Heimweh nach mir selbst. Ich warte im Dunkeln auf die Sonne. Vielleicht bin ich zu jung, um mir dieser Reise, die sich Leben nennt, bewusst zu sein. Während die Jahre wie Sand durch meine Finger rinnen, versuche ich krampfhaft, ein paar Körner einzufangen. Doppelseitiges Klebeband, an dem oftmals nichts weiter haften bleibt als die Zeichen der Zeit. Doch irgendwo dazwischen kleben Erinnerungen. Kleine Momente, die jeden Sturm überleben. Augenblicke, auf die es sich zu warten lohnt. Tiefe über die Weite hinweg. Das ist alles, was ich will.