herz(kern)schmelze.

Es brennt auf den Straßen in mir drin. Rauchwolken überall. Ich sehe nichts. Kein Zurück. Kein Voraus. Feuer. Die Gedanken brennen lichterloh. Ein leises Knistern. Ich lege mich auf die Straße. Breite die Arme aus, so weit ich kann. Und lasse mich tragen. Irgendwo hin. An einen Ort, an dem es wärmer ist. An dem die Sorgen zu Staub verfallen. Ich kehre bereits die Asche in den Kamin. Es glitzert. Ich sitze einfach da. Und höre den Träumen beim Wahrwerden zu.

Das Feuer brennt noch, als ich aufwache. Hier bin ich. Hier ist alles. Hier will ich sein. Hier will ich bleiben. Ich puste den Schutt meiner Straßen mit einem kräftigen Atemzug in’s Feuer. Es flackert. Losgelöst. Ich setze mich näher an die Flammen. Schließe die Augen. Und höre mein Herz schmelzen. Alles ist so leicht. Ich will mich verlier’n.

Advertisements

rechnungen, die nicht aufgehen.

Ich sitze da. Einfach da. Und ignoriere die Warnzeichen. Das tu ich immer. So dasitzen und die unzähligen Warnzeichen ignorieren. Manches Mal ermahne ich mich selbst „jetzt ignorier doch nicht die Warnzeichen!… aber an der Umsetzung scheitert’s dann desöfteren immer. Es ist verzwickt. Dieses Leben. Jetzt hätte ich fast Lieben geschrieben. Habe ich. Aber dann hab ich es korrigiert. Lieben korrigieren. Das geht. Zumindest mit der Taste auf dem Mac. Das Leben korrigieren. Das ist schon schwieriger. Die jahrzentelange Mitgliedschaft beim Team „scheiß drauf“ lässt da wenig Spielraum.

Ja, wir haben es oft übertrieben. Zu oft? Dieser Gedanke wäre absurd gewesen. Denn damals, da dachten wir, wir wären unendlich. Ganz in echt. Für immer jung. Ein Leben lang. Ohne Konsequenzen. Wir lebten den Moment. Ein kleines Leben lang. Durchzechte Nächte mit Abstürzen auf ekligen Toiletten, an deren Türen lauter wunderbare Sätze standen, die dir – wenn alles raus war – garantierten, dass ganz schnell wieder was drin sein wird! Wir haben gelebt, gefeiert und gelacht. Und geweint und getanzt und die Nacht zum Tag gemacht. Hunderttausende Male. In den Nebelschwaden unseres Zigarettenqualms getanzt, als sei es unser ganz großer Auftritt. Sind von Bars gesprungen und auf Tischen geschwebt. Haben uns von den Mengen tragen lassen und jeden Funken und jeden Beat gelebt. Haben uns was vorgemacht und darüber gelacht, weil wir glücklich waren. Da war Vormachen okay. Denn es gab kein Morgen. Es gab nur den Abend. Den Moment. Das Jetzt. Den Kater am nächsten Morgen haben wir mit Ibu’s gefüttert. Und uns mysteriöse Drinks gemixt und dann das Klo runtergespült. Weil sie eklig waren. Und am nächsten Abend haben wir weitergemacht. „Schlaf wird überbewertet!“ – hätten wir uns am liebsten auf den Körper tatoowiert. Haben wir. Mit Filzstiften. Und drüber gelacht und uns dann verkrickelt und weitergemacht.

Und jetzt. Jetzt sitze ich hier. Neben mir das gute alte Bier. Und ich könnte heulen. Denn solche Eskapaden, so ein Lebensstil bleibt nicht ohne Folgen. Ich bin 31. Und tippe mit aller Gewalt  strg-z auf dem Mac an. Aber es passiert nichts. Und das wird es auch nicht. Es gibt kein Zurück. Das ist die bittere Erkenntnis. „Scheiß drauf, wir leben nur einmal…“ – JA! Wir leben nur einmal. Ich versuche seit Tagen, mein verdammtes Extra-Leben aus der Hinterhand zu schütteln. Und bin gescheitert. Und es gibt auch keinen Super Mario-Pilz, der mir ne weitere Chance gibt. Und wenn ich weg bin, dann gibt’s kein „WOLLEN SIE DAS LEVEL NEU SPIELEN?“ Dann war’s das. Und ich schaue mir schlaue Sprüche an. Sowas wie „do more of what makes you happy “ – und dabei könnte ich schon wieder kotzen. Denn ich war doch so happy! In diesen Momenten. Aber eigentlich ist dieser Spruch für’n Arsch. Es müsste vielmehr lauten „do more of what makes you happy. but think about that it must be allowed and healthy!“ Aber nun ja. Glück ist nicht unbedingt was Beständiges. Vielleicht auch nicht immer was Gutes. Vielleicht ja auch nur eine Formel aber nicht das Ergebnis. Und dann lese ich „Lieber bereue ich, es getan zu haben, als es nicht getan zu haben“. So ein Scheiß! Vielleicht auch nicht. Ach scheiß drauf!

strg+z

mood.

Der Zeiger der großen hölzernen Wanduhr tickt. Tick Tack. Tick Tack. Tick Tack. Sie stellt die Musik lauter. Wenn man dann die Augen schließt, steht die Zeit still. Es duftet nach frisch gebackenen Keksen. Sie nimmt einen tiefen Atemzug. So langsam kommt Weihnachtsstimmung auf. Eine melancholische Zeit. Jedes Jahr. Wieder. Sie schiebt den Regler noch ein wenig weiter. „I wanna dance with somebody“ – Acoustikversion von Rachel Brown. Gibt es in diesem Moment einen Song, der weihnachtlicher sein könnte? Unweigerlich beginnt sie, durch den Raum zu tanzen. Drei Schritte nach rechts. Tep. Drei nach links. Tep. Einen nach rechts. Eine Drehung. Ein Lächeln. Kekse verbrannt. Sie schüttet die dunkle Ladung in den Mülleimer. Und backt neue Plätzchen.

Der Himmel ist klar heute Nacht. Der Mond scheint in das Fenster. Mit Feingefühl sticht sie die nächsten Plätzchen aus dem warmen weichen Teig aus. Stück für Stück. Und legt sie behutsam auf das Backblech. Auf ihrer Kleidung zeichnen sich Spuren von Mehl ab. Kurz betrachtet sie ihr Spiegelbild in der Backofenscheibe. Ihre Augen sind von Müdigkeit gezeichnet. Aber schlafen kann sie nicht. Sie backt weiter. Sterne. Vielleicht für die Tage, an denen am Himmel keine zu sehen sind. Der süße Duft kriecht langsam in alle Ecken ihrer Wohnung. Die Straße vor dem Haus ist vom Frost weiß gezeichnet. An den Scheiben der Autos hat sich auch heute eine Eisschicht gebildet. Ob es bald schneit? Wäre schön. Sie sticht einige Schneeflocken aus. Wenn man doch nur die Welt backen könnte. Die letzten Kekse hat sie aus dem Ofen genommen. Einer hat beim Backen seine Form verändert. Eine Sternschnuppe. Vielleicht. Ein Wunsch.

himmelzählen.

Manchmal frage ich mich, wo du gerade bist

ob du wohl auch gerade im Regen stehst

in den Himmel schaust und die Sterne zählst

eins, zwei, drei, vier, bis zum Mond und zurück

komm, steigen wir in den großen Wagen und lassen uns von den Träumen tragen

und einfach mal nichts sagen

nur schweigen und den Moment genießen

und mit unseren Fingerspitzen die Konturen des Mondes nachziehen

heute gibt es kein morgen, keine Zeit und keine Sorgen

wir legen uns in den Moment und lassen uns treiben

stranden irgendwo im Nachthimmel, wo uns keiner findet und

bleiben

betrinken uns an der Musik, die nur für uns spielt

und fliegen im Takt dieser Beats

wie viele Himmel noch bis zur Unendlichkeit?

 

 

 

Es ist der 31ste Herbst. Den Sommer vermisse ich nicht. Aber ich freue mich auch nicht auf den Winter. Ich bin ein Herbstkind. Geboren im goldenen Oktober. Und trage Silber. Kein Pullover kann mich wärmen. Selbst der dickste Mantel ist zu dünn. Die Kälte ist unerträglich. Ich bin (k)ein Herbstkind. Ich mag die Farben der Blätter, die draußen gerade – jetzt in diesem Moment – von den Bäumen fallen. Ich schließe die Augen und höre sie fallen. Blatt für Blatt. Ich trage schwarz. Ich bin kein Herbstkind. Ich bin die Jahreszeiten. Ich blühe auf. Verbrenne. Falle. Und gefriere. Es ist immer wieder dasselbe. Es ist unmöglich, alles auf einmal zu sein. Oder beständig zu sein. Die Dinge kommen und gehen. Der Wind legt sich kalt in meinen Nacken. Ich ziehe die Schultern an und laufe die Herzwände hoch. Sind wir schon da?

nachts ist alles möglich.

Ich schreibe mir die Nächte um die Ohren. Die Worte, die meinem Herzen entspringen, sind fühlbar. Spürbar. Millimeter für Millimeter kann ich jeden einzelnen Buchstaben, jedes Satzzeichen, auf dem Weg über meine Schultern bis hin zu meinen Armen und Handgelenken bis über meine Fingerspitzen, die sich dann auf die Tatstatur legen, fühlen.

Die Wände sind weiß. Meine Hände bluten, weil ich nicht weiß, wohin mit all den Zeilen. Ganze Wohnhäuser könnte ich bemalen. Vielleicht wären es auch bloß Punkte, die funkeln würden wie Sterne, bei dem Versuch, mich zur Sprache zu bringen. Ich öffne ein neues Dokument. In Sekundenschnelle habe ich mehrere Seiten gefülllt. Wirrwarr. Niemand, der versteht, was geschrieben steht. Eine Sprache, die noch nicht erfunden ist. Worte, für die es keine gibt. Meine Hieroglyphen werden musikalisch unterstützt. In den Noten liegt die Antwort. Man muss nur hinhören.

Ich höre immer wieder den gleichen Song. Und schlage mir die Nächte um die Ohren. Es sind die Töne, diese aberfeinen Klänge, die ausdrücken, was für scheinbar alle nicht entzifferbar geschrieben steht. Ich schließe die Augen. Alles ist klar. Sobald ich die Instrumente höre, kehrt innerliche Ruhe ein. Ich höre die Musik noch lange, nachdem sie ausgeschaltet ist. Manchmal spiele ich nachts auf der Gitarre die Sterne nach.

staub.

Alle paar Jahre sortiere ich aus. Oft räume ich die Dinge nur von A nach B. Dennoch. Ich sortiere aus. Einiges findet dann doch auf Ebay einen neuen Besitzer. Anderes wandert in den Keller. Dorthin, wo all die Dinge altern, die ich aussortierte – von denen ich mich aber doch nicht trennen kann. Eine Jeans, die ich vielleicht irgendwann doch noch mal nicht tragen werde. Ein Buch, das ein Geschenk war und das ich schon aus diesem Grund nicht wirklich weggeben kann. Eine Glasschale, für die ich keine Verwendung finde, die ich aber irgendwann mal gekauft hatte, weil ich eine Idee für eine Verwendung hatte. Oder auch nicht. Ein Bettgestell, das eigentlich viel zu schmal aber so wunderschön ist, dass ich es nicht weggeben könnte. Mit jedem Umzug ziehen die Dinge, ich ich aussortiert habe, mit mir mit. Man könnte sie ja noch mal gebrauchen, rede ich mir ein. Oder brauche ich bloß das Gefühl, viele Dinge zu besitzen? Oder könnte ich Angst haben, Erinnerungen zu verlieren, wenn ich Dinge abgebe, mit denen diese verbunden sind? Oder bin ich einfach nur faul?

Neulich bekam ich zwei alte Fotos geschenkt, die mich im frühen Kindheits- und im Jugendalter zeigten. Die Person, die ich sein sollte, war mir fremd. Natürlich ist es schwer, sich so weit zurück zu erinnern. Aber selbst auf dem 16 Jahre alten Bild erkannte ich mich nicht. Nicht einmal an die Situation, in der das Foto entstanden ist, konnte ich mich erinnern. Die Miene ist undurchdringlich. Schwer zu erkennen, ob man traurig oder glücklich war. Ich frage mich, ob ich nicht vielleicht das Abbild eines der Gegenstände aus meinem Keller bin.

Vielleicht ist es an der Zeit. An der Zeit, sich von verstaubten Vergangenheiten zu trennen. Aufzuhören, sich selbst von A nach B zu räumen. In sich (zu) kehren. Vielleicht ziehen wir die Jeans, die seit 2014 im Keller liegt, noch einmal an. Nur um festzustellen, dass sie wirklich nicht gut sitzt. Ja und vielleicht schrauben wir irgendwann unser Bettgestell wieder zusammen. Und stellen dann fest, dass es zwar wunderschön ist, wir aber nicht mehr gut drin schlafen können. Vielleicht wühlen wir irgendwann in den ganzen alten Kisten und holen dann doch nur den Staub wieder raus. Wer weiß das schon.

Im Endeffekt hatten wir Recht. Was einmal aussortiert wurde, wird nicht wieder verwendet.