rechnungen, die nicht aufgehen.

Ich sitze da. Einfach da. Und ignoriere die Warnzeichen. Das tu ich immer. So dasitzen und die unzähligen Warnzeichen ignorieren. Manches Mal ermahne ich mich selbst „jetzt ignorier doch nicht die Warnzeichen!… aber an der Umsetzung scheitert’s dann desöfteren immer. Es ist verzwickt. Dieses Leben. Jetzt hätte ich fast Lieben geschrieben. Habe ich. Aber dann hab ich es korrigiert. Lieben korrigieren. Das geht. Zumindest mit der Taste auf dem Mac. Das Leben korrigieren. Das ist schon schwieriger. Die jahrzentelange Mitgliedschaft beim Team „scheiß drauf“ lässt da wenig Spielraum.

Ja, wir haben es oft übertrieben. Zu oft? Dieser Gedanke wäre absurd gewesen. Denn damals, da dachten wir, wir wären unendlich. Ganz in echt. Für immer jung. Ein Leben lang. Ohne Konsequenzen. Wir lebten den Moment. Ein kleines Leben lang. Durchzechte Nächte mit Abstürzen auf ekligen Toiletten, an deren Türen lauter wunderbare Sätze standen, die dir – wenn alles raus war – garantierten, dass ganz schnell wieder was drin sein wird! Wir haben gelebt, gefeiert und gelacht. Und geweint und getanzt und die Nacht zum Tag gemacht. Hunderttausende Male. In den Nebelschwaden unseres Zigarettenqualms getanzt, als sei es unser ganz großer Auftritt. Sind von Bars gesprungen und auf Tischen geschwebt. Haben uns von den Mengen tragen lassen und jeden Funken und jeden Beat gelebt. Haben uns was vorgemacht und darüber gelacht, weil wir glücklich waren. Da war Vormachen okay. Denn es gab kein Morgen. Es gab nur den Abend. Den Moment. Das Jetzt. Den Kater am nächsten Morgen haben wir mit Ibu’s gefüttert. Und uns mysteriöse Drinks gemixt und dann das Klo runtergespült. Weil sie eklig waren. Und am nächsten Abend haben wir weitergemacht. „Schlaf wird überbewertet!“ – hätten wir uns am liebsten auf den Körper tatoowiert. Haben wir. Mit Filzstiften. Und drüber gelacht und uns dann verkrickelt und weitergemacht.

Und jetzt. Jetzt sitze ich hier. Neben mir das gute alte Bier. Und ich könnte heulen. Denn solche Eskapaden, so ein Lebensstil bleibt nicht ohne Folgen. Ich bin 31. Und tippe mit aller Gewalt  strg-z auf dem Mac an. Aber es passiert nichts. Und das wird es auch nicht. Es gibt kein Zurück. Das ist die bittere Erkenntnis. „Scheiß drauf, wir leben nur einmal…“ – JA! Wir leben nur einmal. Ich versuche seit Tagen, mein verdammtes Extra-Leben aus der Hinterhand zu schütteln. Und bin gescheitert. Und es gibt auch keinen Super Mario-Pilz, der mir ne weitere Chance gibt. Und wenn ich weg bin, dann gibt’s kein „WOLLEN SIE DAS LEVEL NEU SPIELEN?“ Dann war’s das. Und ich schaue mir schlaue Sprüche an. Sowas wie „do more of what makes you happy “ – und dabei könnte ich schon wieder kotzen. Denn ich war doch so happy! In diesen Momenten. Aber eigentlich ist dieser Spruch für’n Arsch. Es müsste vielmehr lauten „do more of what makes you happy. but think about that it must be allowed and healthy!“ Aber nun ja. Glück ist nicht unbedingt was Beständiges. Vielleicht auch nicht immer was Gutes. Vielleicht ja auch nur eine Formel aber nicht das Ergebnis. Und dann lese ich „Lieber bereue ich, es getan zu haben, als es nicht getan zu haben“. So ein Scheiß! Vielleicht auch nicht. Ach scheiß drauf!

strg+z

Es ist der 31ste Herbst. Den Sommer vermisse ich nicht. Aber ich freue mich auch nicht auf den Winter. Ich bin ein Herbstkind. Geboren im goldenen Oktober. Und trage Silber. Kein Pullover kann mich wärmen. Selbst der dickste Mantel ist zu dünn. Die Kälte ist unerträglich. Ich bin (k)ein Herbstkind. Ich mag die Farben der Blätter, die draußen gerade – jetzt in diesem Moment – von den Bäumen fallen. Ich schließe die Augen und höre sie fallen. Blatt für Blatt. Ich trage schwarz. Ich bin kein Herbstkind. Ich bin die Jahreszeiten. Ich blühe auf. Verbrenne. Falle. Und gefriere. Es ist immer wieder dasselbe. Es ist unmöglich, alles auf einmal zu sein. Oder beständig zu sein. Die Dinge kommen und gehen. Der Wind legt sich kalt in meinen Nacken. Ich ziehe die Schultern an und laufe die Herzwände hoch. Sind wir schon da?

alles wie immer (II)

Vor 6: Ich bin wach. Musik klingelt mich aus der unruhigen Nacht. Auf meinem Radiowecker steht „dream machine“. Bullshit, der mir dennoch ein Lächeln schenkt. Es ist dunkel. Mir ist kalt. Robotermodus eingeschaltet.

Vor 8: Ich stehe an der Ampel und blicke auf die Heckscheibe des mir vorausfahrenden Fahrzeugs, welche ein furchtbar hässlicher Aufkleber ziert. „Bitte Abstand halten – so gut kennen wir uns auch nicht!“ Ich bin geneigt, Vollgas zu geben und aufzufahren.

8 Minuten später: Ich stehe immer noch an der Ampel. Im Auto rechts neben mir zupft sich eine junge Frau im Rückspiegel die Augenbrauen und raucht bei geschlossenem Fenster zeitgleich eine Zigarette, während der Hintermann ein Hupkonzert veranstaltet.

Vor 9: Ich trinke den 6ten Kaffee. Stirb an einem anderen Tag. Während ich die 26 Mails im Postfach von seit-gestern-Abend durcharbeite, gesellen sich die nächsten 38 dazu.

Vor 11: Zwischen Aktenstapeln, Papierbergen und neu eingehender Post, ununterbrochenem Telefonklingeln und permanentem Klopfen an meiner Bürotür suche ich vergeblich ein Erdloch.

Vor 12: Ich muss seit mindestens 3 Stunden zur Toilette. Jetzt aber. Doch nicht. Es klingelt wieder. Und klopft. Und pop up´t auf meinem Bildschirm. Gleich. Aber wirklich.

Vor 13: Mein Magen knurrt. Schnell Kaffee Nr. 11. Und die nächsten 16 E-Mails.

Wenige Minuten später: Whats’App-Benachrichtigungen auf meinem Smartphone. „Du wurdest in die Gruppe „Mittagspäuschen, und ihr so?!“ eingeladen.“ Die anderen 6 Teilnehmer haben bereits ausschweifend geantwortet. Eine lädt ein Foto von ihrem 3-Gänge-Menü hoch. In meiner Schublade finde ich noch einen Keks von letzter Woche. Mittag.

Vor 14: Ich trainiere mir den Keks wieder ab, während ich von Etage zu Etage sprinte, um hier und da noch etwas zu besprechen.

Vor 15:  Von meinem Bürofenster aus beobachte ich, wie Dixi-Klos auf einer großen Ladefläche die Straße entlang transportiert werden. Ich renne. Und besorge mir nebenbei schnell noch einen Kaffee. Auf dem Rückweg werden mir weitere Papiere in die Hand gedrückt.

Vor 16: Ich stehe im Stau. Notiere mir nebenher ein paar Geistesblitze. Strategien. Überlegungen. Beantworte so gut es geht meine 31 ungelesenen WhatsApp-Nachrichten, 2 E-Mails, telefoniere schnell mit einer Freundin, nippe an meinem coffee-to-drive und schreibe einen Einkaufszettel.

Vor 18: Ich stehe im Supermarkt und stelle fest, dass ich den Einkaufszettel im Auto liegen lassen habe. Ich versuche, mich an die wichtigsten Dinge zu erinnern und kaufe Wein ein. An der Kasse drängelt sich eine alte Dame vor. Rentnerin sicherlich. Sie hat es eilig. Sicher keine Zeit. Die Kassiererin ist unfreundlich und hat ein Problem mit dem Scanner. Und mit der Kasse. Und mit sich selbst.

Vor 19: Es ist dunkel. Kein Parkplatz. Nach knappen 10 Minuten Fußweg erreiche ich die Wohnung. Ich schalte das Licht ein. Und den PC. Neue E-Mails überraschen mich.

Vor 20: Das Kind in der Wohnung über mir bekommt einen Tobsuchtsanfall, weil es offenbar beim Basketballspielen im Kinderzimmer den Korb nicht trifft.

20 Minuten später: Es trifft den Korb immer noch nicht.

Vor 21: Ich beantworte Mails. Suche Fehler. Korrigiere sie. Durchforste Zahlen. Schreibe nette Briefe. Böse Briefe. Arbeite nach. Und vor.

Vor 22: Kurze Pause. Ich hänge die Wäsche auf. Mache „das bisschen Haushalt“ und breche versehentlich den Korken beim Öffnen der Weinflasche ab. Ich hole einen Schraubenzieher aus der Schublade. Wie so eine Verrückte. Und genieße einen Schluck Rotwein, während der Notdienst im Treppenhaus seit einer halben Stunde krampfhaft versucht, mit einem Stahlbohrer durch den Türbeschlag der Nachbarn zu kommen.

23: Ich schalte den PC aus. Feierabend.

30 Minuten später: Ich versuche zu schlafen.

24: Ich kann nicht schlafen. Denke über die Dinge nach, die morgen, inzwischen heute, noch zu tun sind. In Gedanken bearbeite ich Akten.

01: Versuche, den Aus-Schalter des Robotermodus zu finden und stelle fest, dass es nur stand by gibt. Zeitlich begrenzt. Auf nun noch knapp 5 Stunden.

Vor 6: „Guten Morgen“ wünscht Ihnen die dream machine. Betreten Sie nun ihr Hamsterrad. Keine Sorge, es ist alles wie immer.

 

petit fleur.

Mit geschlossenen Augen atme ich jede einzelne Duftnote ein, die mein Lieblingstee verströmt. Ein großer Becher wärmt meine bis eben noch kühlen Hände. Eigentlich für Latte Macchiatos oder dergleichen gedacht, aber wen kümmert das schon. Petit Fleur. Eine Zusammensetzung, die es nirgends sonst als in einem kleinen wunderschönen Lädchen gibt, das auf den ersten Blick gar nicht so ansprechend wirkt. Ja, einige besonders schöne Dinge verstecken sich immer wieder hinter unscheinbaren Fassaden. Früher besuchte ich dieses gemütliche Café öfter. Die Innenausstattung lädt zum Träumen ein. Nostalgische Caféhaus-Möbel mit Blumenmuster-Polstern. Die alten Holzlehnen erzählen immer wieder neue Geschichten. Hier und da ein paar grüne Lampions, welche die runden kleinen Tische und die Gesichter, die sich daran versammeln, schwach erleuchten. Dazwischen kleine silberne Teekannen. Verschiedene Teller und Tassen. Normfreie Zone. Herrlich. In diesem kleinen Laden sitzen unzählige Menschen nah beisammen und teilen sich mitunter eine lange Sitzbank. Freundliche Blicke werden ausgetauscht, das eine oder andere Lächeln, man kommt ins Gespräch. Hier scheint es, keine Außenwelt zu geben. Für diesen Moment. Man könnte meinen, an der Decke hinge ein unsichtbares Schild „Keine Smartphones. Nur Menschen“. Es ist schön. Die Kerbe auf dem Tisch ist immer noch da. Es gibt doch noch Dinge, die beständig bleiben. Mit den Fingerspitzen fahre ich die Maserung des Holzes an der Tischkante entlang. Wie seltsam schön es doch ist, dass Fehler und Macken einem das Gefühl von Sicherheit geben können. Mit dem verzierten Silberbesteck nehme ich das letzte Stück meines Kuchens auf. Hier wird noch selbst gebacken. Keine Massenproduktion. Eine verhältnismäßig kleine Auswahl für eine Menschheit, die es gewohnt ist, über einfach alles zu jedem Zeitpunkt und ohne Limit zu verfügen. Wann hat dieser Wahnsinn angefangen? Hier drinnen fühle ich mich sicher. Der Wahnsinn ist draußen. Dieser winzige Laden, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Noch einmal gehe ich die kleine Karte durch. Nichts hat sich verändert. Das muss es auch gar nicht. Manches ist gut so, wie es ist. Von der netten Bedienung lasse ich mir noch ein kleines Päckchen Tee mitgeben. Petit Fleur. Zu Hause.

eine kerbe liebe.

Ja, ich könnte sie säubern. In die Waschmaschine legen und die Spuren beseitigen lassen. Die Chucks sind schon lange nicht mehr weiß. An den Sohlen haften Monate. Mit ihnen unzählige Erinnerungen. Wenn ich mich auch nicht an alle erinnern vermag. Der Stoff ist an einigen Stellen ergraut. Das Leben hinterlässt seine Spuren. Man kann eben nicht alles einfach reinigen. Selbst nach einem ausgiebigen Schleudergang bleiben kleine Verfärbungen sichtbar und auch etliche weitere Versuche würden die kleine Einkerbung vorn am linken Schuh nicht ausradieren. Sie ist da. Und gehört wahrscheinlich auch genau dorthin.

Es war einer dieser Abende, an denen ich mich in mir selbst verlaufen hatte. Die Gedanken unendlich schwer. Der Körper zu schwach. Meine Chucks und ich flohen. Vor was, weiß ich auch heute nicht. Aber ich fliehe immer noch. Gelegentlich. Das Auto. Meine Comfortzone. Ich stellte die Musik an. Lied Nr. 12. Unzählige Male. Eine Lautstärke, welche die Gedanken verstummen ließ. Und ich fuhr. Planlos durch die Nacht. Es ist immer wieder merkwürdig. Hast du ein Ziel, wirst du gebremst. Alle Ampeln schalten auf rot. Als solltest du nicht ankommen. Oder lieber einen anderen Weg nehmen. Vielleicht ist das Ziel auch das falsche. Läufst oder fährst du aber einfach los, ohne zu wissen, warum oder wohin, scheint es so, als wäre das genau richtig. „Grün“ für ein Leben ohne Plan. „Grün“ für einfach drauf los. „Grün“ für Ankommen, ohne zu wissen, wo. Ich mag grün. Ich lächelte in mich hinein und ließ in diesem Moment alle Pläne hinter mir auf dem nackten Asphalt. Und trat so tief wie nur möglich auf das Gaspedal.

Einige Zeit später hielt ich in einer Seitenstraße an. Ich stellte den Motor ab, die Musik aus und ließ die Fensterscheiben runter. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ich hatte die Zeit vergessen. In mir machte sich diese seltene Zufriedenheit breit. Ich stieg aus dem Wagen und stolperte über einen großen schmutzigen Betonklotz, der vor der Bordsteinkante lag. Einige Sekunden lang ärgerte ich mich darüber. Es sind „weiße“ Chucks. Auf dem Klotz war ein Herz aus Kreide aufgemalt.

Diese Kerbe an meinem linken Schuh. Ich liebe sie.

hinter dem steuer (die erste)

Es gibt so Momente im Leben.

Ich sitze im Auto. Schalte das Radio ein und werde von meinem elektronischen Freund mit einem freundlichen „Hello“ in Laufschrift begrüßt. Ich wechsle den Sender. Hello. Again. Adele und ich. Wir mögen uns. Sofort erhöhe ich die Lautstärke auf Maximum. Ich fliege die Straße entlang und singe mit. Man kann singen und singen. Ich singe. Lauter als Maximum. Mit allem. Gefühl und so was. Sobald ich eines meiner zwölftausend Lieblingslieder höre, bin ich wie ausgewechselt. Ich bin dann nicht mehr ich. Sondern die Band. Oder der Sänger. Oder die Sängerin. Je nachdem. Vor allem aber bin ich der Text. Und die Instrumente. Man sieht das von außen. Wirklich. Ich bewege mich während der Fahrt als stünde ich auf einer sehr großen Bühne in einer sehr großen Arena. Ich gebe alles. Und noch mehr. In einem Auto ist alles möglich. Diverse moves like jagger. Sie haben ja keine Ahnung. Meine Finger wippen im Takt auf dem Lenkrad, das sich in ein Instrument meiner Wahl verzaubert. Mein Kopf macht seltsame Dinge. Genauso wie meine Hüften. Party hard.

Während ich diese Dinge tue schaue ich in der Regel nach vorn. Fahre ja Auto. Als ich mir gerade meine Seele aus dem Leib singe, voll im Modus bin und meine Schultern eine Art rolling-performance abliefern, schaue ich kurz nach links. Im Auto neben mir sitzen vier männliche Personen, starren mich an und lachen so überschwänglich, dass mir fast ein lässiger Hüftschwung entgleitet. Dazu vier Daumen hoch. Ich bin peinlich berührt. Nein, doch nicht. Schnell schaue ich wieder nach vorn. Und dann wieder nach links. Ich mag es ja, Menschen mit meinem Talent glücklich zu machen. Und lache laut mit. Kurz überlege ich, ein cooles Handzeichen zu übermitteln aber cool bin ich nicht. Ich bin Sängerin. Und muss Abliefern. Der Wagen verfolgt mich. Fährt immer wieder langsam an mir vorbei. Ich spiele das Spiel mit. Als der Song zu Ende ist, kommt der nächste gute. Manche Dinge sollen so sein.

Ich bin James Bay. Und ihr seid mein Publikum.

Schnapsocado! (23 Minuten)

Es ist Montag. Es ist 16:30 Uhr. Es ist Einkaufszeit.

Einkaufen nervt mich. Wirklich sehr. Ich esse allerdings sehr gerne. Das ist ein Problem. Zu meinem Kühlschrank pflege ich eine außerordentliche gute Beziehung. Wir verstehen uns einfach. Von Anfang an war da so eine Sympathie zwischen uns. Ich mag meinen Kühlschrank. Generell mag ich Kühlschränke. Gelegentlich fahre ich in die Elektrofachmärkte meines Vertrauens, um mir dort Kühlschränke anzusehen. Das Gefühl, einen Kühlschrank zu berühren, langsam und voller Hingabe die Tür zu öffnen… Großartig!! Ihr kennt das. Nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei fett. Weil ich so gerne esse meine ich. Ich stehe einfach auf Food. Man sagt doch Food heute, oder? Superfood. Green food, clean food, da steigt auch keiner mehr durch. Ich meine Nahrung. Essbares. Was zu beißen. Gut. Jedenfalls ist Montags Einkaufstag. Und Mittwochs. Und Freitags. Fast jeden Tag. Ich kaufe nicht gerne ein. Habe es mir daher angewöhnt, jeden zweiten Tag einzukaufen, damit die Einkaufszeit 23 Minuten nicht überschreitet. Das ist meine Logik. Fragt nicht. Erst kürzlich habe ich festgestellt, dass ich mich exakt 23 Minuten lang in einem Supermarkt aufhalten kann. Danach muss ich raus. Sofort. Diese Vorgehensweise gestaltet sich allerdings etwas schwierig. Ich arbeite daran. Nun gut. Ich steh jedenfalls vor’m Lidl. Eigentlich finde ich das Logo vom Lidl hässlich. Wer hat sich diese Farbkombination ausgesucht? Dieses gelb ist hässlich…

…denke ich und bekomme langsam Nackenschmerzen vom langen Hinaufstarren in Richtung Schild. Ich senke meinen Kopf, es knackt kurz. Alles wie immer. Ich brauche einen Einkaufswagen schwirrt es mir im Kopf herum und suche meine Hosentaschen, Jackentaschen, meinen Jutebeutel und meine Handtasche nach einem Einkaufschip oder nach passenden Münzen ab. Nach 4 Minuten werde ich wütend. Aber so richtig. Ich schmeiße alle Taschen auf den Boden. Mache mir eine geheime Notiz „Einkaufs-Chips sind scheisse!“ und gehe – meinen Jutebeutel lässig über die Schulter geworfen – in den besagten Discounter meines Vertrauens.

Diese Discounter sehen von innen ja alle gleich aus. So manches Mal bin ich geneigt, nicht mehr in die Warenregale zu schauen, sondern einfach nur noch blind zu greifen. Spart Zeit. 23 Minuten. Die Uhr tickt. Leider gibt es ja immer wieder Menschen, die sich einfach nicht an Regeln und Ordnung und Systeme halten wollen. Da steht doch zwischen den ganzen gefälschten Prinzenrollen ein Glas Gurken. Hallo?!!! Geht’s noch?? GURKEN stehen nie im Eingangsbereich! Ich muss das melden. Schreibe für mich selbst eine geheime Notiz. So nicht! Mit mir nicht! Die Lidl-Mitarbeiterin, die gerade die gefälschten Haribotütchen nachfüllt, schaut mich pikiert an. Die sehen auch alle gleich aus. Die Mitarbeiter in Discountern. Gut. Zurück zum Plan. Dabei kommt mir noch ein Gedanke. Warum soll die gefälschte Prinzenrolle gefälscht sein? Vielleicht ist ja auch die Prinzenrolle gefälscht und die Fälschung echt? Ich bin durcheinander. Darauf erstmal ein gefälschtes Snickers.

Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass noch 6 Minuten verbleiben. Einkaufen ist anstrengend. Ich hasse einkaufen! Immer dieser Stress!

Überlege, welche Lebensmittel ich von meiner DIN A4-Liste am ehesten benötige und kann mich zwischen einer Avocado und einem Blätterteig einfach nicht entscheiden. In Gedanken spiele ich alle möglichen Szenarien, in denen eine Avocado zum Einsatz kommen könnte, durch. Entscheide mich für die Avocado.

Noch 3 Minuten.

Schnell eile ich mit meinem Einkauf in Richtung Kasse. Eine von drei Kassen ist besetzt. Vor mir stehen 4 Personen, darunter 3 1/2 wirklich dicke Menschen, und 2 Hunde in der Schlange. Auf dem Band liegen sehr viele Kleinteile. Und Obst. Viel Obst, das noch an der Kasse gewogen werden muss. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass sich das Abwiegen von Plattpfirsichen oftmals als schwierig gestaltet. Aber das ist ein anderes Thema. Und im Lidl gibt es gerade keine Plattpfirsiche. Darüber sollte man sich hier mal ne Platte machen. Ist mir zu platt. Ich muss laut lauchen.

Um mir die Wartezeit angenehmer zu gestalten, analysiere ich den Einkauf der anderen Kunden. Gerne katalogisiere ich die einzelnen Produkte. So manchem Kunden habe ich schon die ein oder andere Statistik über dessen regelmäßigen Wocheneinkauf kostenlos mit in den Einkaufswagen gelegt. Die Mehrheit der Kunden, genau genommen 89,135 %, hat daraufhin komisch geguckt. Wollen immer alles umsonst haben aber wenn’s dann mal was für lau gibt – und zwar mal was richtig praktisches – dann will das doch keiner haben. Dann sind die misstrauisch. Als wenn man denen was schlechtes will. Dieses Lumpenpack. Immer wieder das gleiche. Die Kunden vom Lidl sehen ja auch alle gleich aus.

Zurück zu den Tatsachen. Die Kassiererin ist langsam. Sehr langsam. Das macht mich traurig. So lang, bis es mich wütend macht. Sehr wütend.

Noch 2 Minuten.

Ich werde nervös. Sehr. Der Versuch, mich galant nach vorne zu drängeln, scheitert. 3 Mal. Unfreundliches Pack. Mir läuft derweil bereits der Schweiß von der Stirn. Ich bin gestresst. Lege die Avocado auf das Band. Einsam und allein liegt sie dort. Das macht mich traurig. Kann man Patenschaften für Avocados abschließen? Kann man Obst adoptieren? Schnell greife ich in das Regal im Kassenbereich und lege einen Schnaps dazu, damit sich die Frucht nicht einsam fühlt. Ich muss lächeln. Dieser Anblick stimmt mich fröhlich. Ich bin ein romantischer Mensch. Eine Avocado und ein Schnaps. Könnte der Titel einer wunderbaren Story sein. „SCHNAPSOCADO!“ rufe ich völlig unkontrolliert und übermäßig freudig lauthals in die Menge. Eigentlich wollte ich das gar nicht. Aber ich bin nunmal eher der extrovertierte Typ. Keiner dreht sich nach mir um. Die sind das wohl gewohnt. Die Kunden im Lidl.

Kurz bevor Schnapsocado und ich die Kassiererin erreichen piept es. 00:00!!! Die Zeit ist um. Ich lasse alles liegen. Springe in großem Bogen in Zeitlupe über die letzte Kundin vor mir. Lande. Und verlasse matrixartig den Lidl. Wehmütig beobachte ich durch die Fensterscheibe, wie mein avisierter Einkauf lieblos in den Fußraum der Kassiererin geworfen wird und verlasse langsam mit leerem Jutebeutel den Parkplatz. Hungrig. Eine Träne kullert über meine Wange. Und das alles nur wegen des Einkaufs.

Ich hasse einkaufen.

in vino veritas. oder lieber nicht.

Ziemlich weinig der Wein heute denke ich. Seit 67 Minuten. So lange schaue ich nämlich schon ins Glas. Zu tief ins Glas geguckt sage ich mir in Gedanken und schmunzele über meinen außerordentlich guten Witz. Witze kann ich. Denke ich. Und muss wieder lachen. Und ins Glas schauen. In vino veritas sagt man doch. Im Wein liegt die Wahrheit. Doch seit 67 Minuten NICHTS. Keine Antwort. Der Wein will nicht reden. Vielleicht stelle ich die falschen Fragen. Nochmal. Es steht vor mir. Direkt auf dem Tisch. Und starrt mich an. Es macht mich immer verlegen, wenn mich Gläser anstarren. Ich starre zurück. Wieder Nichts. Es kommt einfach keine Antwort. Keine Reaktion. Ich überlege. Ich überlege grundsätzlich ziemlich lange, wenn ich überlege. Zunächst überlege ich, warum es überhaupt überlegen heißt. Ich fühle mich überlegen. Welch’ Wortwitz! „Ich bin ein sehr humorvoller Mensch“ notiere ich mir schnell auf ein Post it. Grundsätzlich notiere ich alle Eigenschaften, die ich an mir entdecke, auf diese kleinen selbsthaftenden Zettel. Seitdem geben mir Klebezettel Sicherheit. Und Geborgenheit. Warum ich das mache, weiß ich nicht. Lies! Du musst den Wein lesen! flüstert es indessen kaum merklich aus Richtung Flasche. Ich befolge den Rat. Flaschen haben einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Also beuge mich vorsichtig über das Weinglas und versuche, in der unendlichen Tiefe des Rotes etwas zu erkennen. Ich kann nichts lesen. Sicherlich hat sich meine Sehkraft verschlechtert. Schnell bestelle ich online eine überteuerte Lesebrille. Ich schätze meine Dioptrien auf -3,25. Werfe noch kurz einen Blick auf meine 6 x 6 m große Klebezettel-Fahndungswand und finde die entscheidende Notiz „Kann gut Raten“. Sende die Bestellung ab. Notiere mir „Kann gut Probleme lösen“ auf einen Post it und starre weiter auf das Glas.

Du musst den Wein trinken, um an die Wahrheit zu kommen höre ich meine innere Göttin eindringlich sprechen. 14 Gläser später. Meine innere Göttin hat nun ein Alkoholproblem. Und ich immer noch keine Antwort. >Google< denke ich mir und gebe ins Suchfeld „Der Wein spricht nicht“ ein. Das erste Suchergebnis, das ich erhalte, bringt mich zum weinen. „Der Wein spricht deutsch“ lese ich. Ich wusste es. Ich bin adoptiert. Gehöre gar nicht hier her. Spreche nicht mal eure Sprache. Falle in ein tiefes Loch. Und muss erstmal was trinken. Habe 2 Flaschen ausgetrunken. Es geht mir nicht gut. Betrunken in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht verstehe. Ich brauche anderen Wein. Wein, der meine Sprache spricht. Überlege, welche Sprache das sein kann und suche im Regal des gut sortierten Supermarkts nach „alkoholisch“. Kaufe alles leer. Bin jetzt pleite. Aber in guter Gesellschaft. Habe alle Flaschen geöffnet. Und dekantiert. 13 Stunden später höre ich den Wein. Er atmet. Ich lege mich auf den Boden, der jetzt ein roter See ist. Ich schließe die Augen. Es duftet nach Trauben. Nach Provence. Nach Lavendelfeldern. Drohe, zu ertrinken, weil der Pegel die 0,30 m erreicht und ich flach auf dem Rücken liege. Vielleicht muss ich tauchen, um die Wahrheit zu finden. Schaffe es, mich umzudrehen und paddele langsam los. Muss meine Nase zuhalten, damit nichts reinläuft. Nervig. Kann außerdem nichts sehen. Warum ist Wein eigentlich nicht klar? So wie das Meer? Ich gebe sofort wieder auf. Hat keinen Sinn. Hier werde ich nichts finden. Keine Wahrheit.

Enttäuscht schlafe ich ein. Zumindest habe ich das Gefühl, zu schlafen. Könnte aber auch ein anderer Zustand sein. Wer weiß das schon. Meine Träume sind rot. Tiefrot. Dunkel. Mitten in der Nacht wache ich ganz plötzlich auf. Geräusche. Hier. Ich höre die leeren Weinflaschen, die im See, der sich nun kniehoch in meiner Wohnung gebildet hat, schippern, leise flüstern…

„Merkwürdige Sitte, mit den Gläsern anzustoßen, was?“ sagt die eine Flasche
„Finde ich nicht. Im Wein liegt bekanntlich Wahrheit. Und mit der Wahrheit stößt man überall an…“ 

Von diesem Moment an höre ich auf. Werde den Wein nicht mehr belästigen. Höre auf mit den Fragen. Manchmal reicht das, was wir glauben. Woran wir glauben. Manchmal malen wir uns unsere eigene Wahrheit. Und manchmal ist es gar nicht nötig, so genau hinzusehen. Manchmal reicht es, einfach die Augen zu schließen.

In vino veritas. Lasst uns anstoßen. Prost.

Laufträumen.

20:00 Uhr. Eine Zeit, die ihr liegt. Zu früh, um zu schlafen. Zu spät für eigentlich nichts. Die beste Zeit des Tages. Im Sommer, wenn die Hitze des Tages langsam abklingt, es aber noch warm genug ist, um stundenlang barfuß auf der Veranda zu sitzen, bis es dunkel wird. Und auch im Winter, wenn in den Fenstern der Straßen reihenweise die Lichter angehen, während draußen winzig kleine Schneeflocken vom Himmel herabfallen, um dann irgendwann lautlos den Boden zu berühren. Aber auch im Frühling und im Herbst. 20:00 Uhr ist ihre 4-Jahreszeiten-Zeit. Der anstrengende Teil des Tages ist vorüber. Erlebtes ist geschehen. Die Uhren laufen langsamer. Zeit zu träumen ist jetzt.

Ein kurzer Blick in den Spiegel. Dann zieht sie die Schnürsenkel ihrer Schuhe stramm. Eine Art Metapher. Einen kurzen Moment lang hält sie die Zügel ihres Lebens fest in der Hand. Und lässt dann los. Um loszulaufen.

Lauf. Lauf. Lauf.

Sie läuft. So schnell sie kann. Die Richtung ist egal. Hauptsache in Bewegung bleiben. Der Weg ist das Ziel. Durch ihre Adern fließt Musik.

…and we build up castles in the sky and in the sand

design our own world ain’t nobody understand
I found myself alive
in the palm of your hand
as long as we are flyin‘
All this world ain’t got no end…

Sie läuft auf jeder einzelnen Note. Läuft ihre eigene Melodie. Den Soundtrack ihres Lebens. Sie braucht keine schnellen Beats, um voranzukommen. Ihre Beine tragen sie bis ans Ende der Welt und noch ein Stück weiter. Ihre Sinne sind geschärft. Ihre Sohlen hinterlassen Abdrücke auf der feuchten dunklen Erde. Zwischen dem saftigen Grün duftet es nach Träumen. Zwischen prächtigen Baumkronen suchen sich die letzten warmen Strahlen der Abendsonne ihren Weg in ihr Gesicht. Eine Lichtung. Ein Lächeln.

Alles ist bunt. Rauscht. Sie ist berauscht. Vom Leben. Alles ist echt, wenn sie läuft. An den Baumstämmen ranken Gedanken empor. Vom Himmel fallen Sterne auf ihre Schultern. Laufen ist ihr Fühlen. Sie will nicht anhalten. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment. Es ist, als ziehe nicht das Leben an ihr vorbei. Es ist sie, die am Leben vorbei zieht. Und dabei das Tempo selbst bestimmt. Schneller. Sie läuft schneller als ihr Herz schlägt. Jede Woche ein kleines Stück weiter. Einen Meter. Zentimeter. In der Hoffnung, irgendwann bei sich selbst anzukommen.

Morgen läuft sie wieder. Morgen ist wieder 20:00 Uhr.

Mama, warum darf der Jan denn nicht mein Freund sein?

Tim ist 3, seine Mutter 33. Tim versteht viel von der Welt, mehr als seine Mutter ihm zutraut. Dennoch versteht er zu wenig, um wirklich zu begreifen. Er tut das, was alle Kinder tun. Er hört auf seine Mutter. Folgt ihrem Beispiel. Hört auf, zu hinterfragen. Weil er keine Antworten bekommt. Zumindest keine, die er versteht. Eine traurige Geschichte.

Tim und Jan sind Freunde. So gute Freunde, wie man mit 3 Jahren sein kann. Also richtig dicke. Freunde für alle Zeiten. Bis morgen oder vielleicht aber auch für immer. Tim möchte Jan besuchen. Bei Jan zu Hause. Die Familie von Jan lebt von Hartz IV. Die Firma, in der Jan´s Vater seit mehr als 20 Jahren arbeitete, ging insolvent. Jan´s Vater findet innerhalb eines Jahres keine neue Anstellung. „Überqualifiziert“ sei er, hieß es in den letzten 48 Bewerbungsabsagen. Der Bezugszeitraum von Arbeitslosengeld I läuft ab. Die Familie lebt nun vom Existenzminimum. Das große gemietete Haus mussten sie verlassen. Jan und seine 2 Geschwister teilen sich nun ein Zimmer. Vater und Mutter weinen jede Nacht, genauso wie sie streiten. Sie sind mit den Nerven am Ende. Möchten ihren Kindern alles ermöglichen. Die Mutter geht nun jeden Abend, wenn die Kinder im Bett liegen, putzen, um die Mitgliedsbeiträge für die Sportvereine der Kinder bezahlen zu können. Um zu verhindern, dass die Kinder ausgeschlossen werden. Gemobbt und gehänselt werden. Es reicht, dass die Eltern jeden Abend mit Tränen in den Augen einschlafen. Viel Druck da draußen. Kapitalismus. Der schon im Kindergartenalter das Leben beherrscht.

Im Kindergarten ist heute wieder Stuhlkreis. „Mein Papa arbeitet…“ ist das Thema. Leon erzählt stolz von seinem Vater. Leon’s Vater ist Anwalt. Er verdient soooooo viel Geld (Leons Arme gehen weit auseinander) und kann ihm alles kaufen, was er will. Nina ist an der Reihe. Nina hatte letzte Woche Geburtstag. Sie trägt heute ihre Geburtstagsgeschenke. Ugg-Boots aus der neuen Kids-Collection, ein Strickkleid von Burberry, einen dazu passenden Hilfiger-Trenchcoat mit echtem Lammfell gefüttert, eine Wollstrumpfhose von Chloé und reichlich Schmuck. Die Kette von Tiffany gab es zu Ostern. Nina weiß nicht, wie viel 5 + 8 sind, dafür kennt sie aber den Gesamtwert ihres heutigen Outfits. 1.186,00 Euro. Das verdient der Vater von Anne während der Schlechtwetterzeiten. Anne´s Vater ist Straßenbauarbeiter. Voller Begeisterung erzählt Anne ihren Kindergartenkameraden und Kameradinnen, was ihr Papa da draußen so alles baut. Vor kurzem hat er „die Franzstraße neu gemacht.“ In der Franzstraße wohnt die Familie von Pascal. Pascal macht sich gerade lustig über Anne. „Mein Papa trampelt herum auf dem, was Dein Papa baut, haha!“ Anne fängt an, laut zu weinen und läuft aus dem Raum. Sie rennt in den Toilettenraum und setzt sich innen gegen die Tür. Sie möchte allein sein. Nachdenken. Und nimmt ihren Papa in Gedanken in Schutz. Anne ist ein trauriges Kind. Geworden. Zu oft machen sich andere Kinder über ihren Papa lustig. Dabei ist ihr Vater ihr Held. Anne wird mit der Zeit immer verschlossener. Ihre kindliche Unbefangenheit ist ihr genommen worden. Anne redet nur noch mit Jannis. Jannis redet nicht viel. Generell. Fast jeden Tag wird er von Lukas und Marco geärgert. Wegen seiner introvertierten Art. Und seiner Ohren, die leicht abstehen. Lukas und Marco reden schlecht über Jannis. Jeden Tag. Im Kindergarten. Jannis hat nun keine Freunde mehr. Während des „Mein Papa macht…-Tages“ ist nun Jannis an der Reihe. Er erzählt von seinem Vater. Sein Papa „macht Menschen gesund“. Er ist Arzt. Nun wollen Lukas und Marco auf einmal mit Jannis befreundet sein. Die Väter von Lukas und Marco sind auch Ärzte und legen großen Wert darauf, dass ihre Söhne sich mit „Gleichgesinnten“ anfreunden.

Es bilden sich Grüppchen. Die Kindergartengruppe „Die Marienkäfer“ gibt es schon lange nicht mehr. Die Gruppe ist gespalten. Es gibt nun „die Armen“ und „die Reichen.“ Tim gehört zu „den Reichen“. Das bedeutet, dass er nicht mit Jan spielen darf. Sagt seine Mutter, die erfolgreiche Investmentbänkerin ist. Tim versteht nicht, warum er seinen Freund nicht besuchen darf. Er weint. Seine Mutter tröstet ihn auf ihre Art und Weise. Mit einem neuen Lego-Spielzeug. Jan´s Vater versucht unzählige Male, bei der Mutter von Jan anzurufen. Er hinterlässt insgesamt 7 Nachrichten. An drei Tagen. Jan ist sehr traurig. Sein Vater versucht, ihn zu trösten. Ihm klar zu machen, dass es nicht an ihm liegt. Dass er wunderbar und toll ist, so wie er ist. Doch Jan’s Selbstbewusstsein ist bereits so sehr angeknackst, dass er sich gegen alles Positive verschließt. Jan ist nun ein trauriger kleiner Junge. Er ist 3 Jahre alt. Aber Elite. Der Rest vergeht. Sagt seine Mutter.