fallen. lassen.

Mit angewinkelten Beinen springe ich. Ich springe. Und springe. Die Arme weit ausgestreckt. Flügel für den Augenblick. Die Leichtigkeit mit aller Kraft zusammengenommen. Mit geschlossenen Augen springe ich. So hoch ich kann. Den Himmel atmend. Is the sky the limit? Ich öffne die Augen. Betrachte meinen eigenen Schatten. Von hier oben sieht er winzig aus. Noch ein Sprung bis zu mir selbst. Und dann lasse ich mich fallen. Fallen in dem Wissen, dass ich aufgefangen werde. Ein Gefühl, das das Erreichen unendlicher Höhen möglich macht. Sanftes Fallen wie ein Blatt. Aufgefangen vom Wind. So hoch wir auch springen, so tief können wir fallen. Harter Aufschlag oder sanfte Landung. Am Ende kommt es nur darauf an, ob da Wind ist. Und ob du den Wind spürst.

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Des Indianers größter Schmerz

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sagst du, nachdem du dich furchtbar doll gestoßen hast und dein Zeh bläulich schimmert. Eigentlich tut es ziemlich weh. Aber nun. Indianer spüren keine Schmerzen. Sagst du.

Auch ich benutze diese Floskel. Warum? Weil ich damit aufgewachsen bin. Weil wir alle doch irgendwann mal Indianer waren. Und irgendwann aufgehört haben, den Schmerz zuzugeben. Zu fühlen. Wir sind stark. Schmerzresistent. Indianer. Tag für Tag sitzen wir in unseren Tipis, reden uns ein, dass uns nichts und niemand etwas anhaben kann und verändern unseren Genotypen. Wir sind schon lange keine Indianer mehr. Vielleicht waren wir auch nie welche. Aber es ist schön, daran zu glauben. Oder?

Ja, vielleicht wurden wir von Beginn an indirekt darauf getrimmt, keine Schmerzen zuzugeben, keinen Schmerz zuzulassen. Ursprung. Das Fühlen verlernt. So als Vorbereitung auf das Leben. Unsere Eltern spendeten uns damals auf diese Art und Weise Trost. Und dieser Trost war gut. Ja. Alles nicht so wild. Alles halb so schlimm. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und in diesen Momenten glaubten wir auch daran. Alles war halb so schlimm. Es tat nicht mehr weh. Ein Satz reichte, um den Schmerz zu nehmen. Vielleicht wussten es unsere Eltern auch damals einfach besser.

Und so zieht sich dieser eine Satz wie ein roter Faden durch das Leben. Nur dass das kleine Wehwehchen inzwischen kein Wehwehchen mehr ist. Unser blauer Fleck misst heute andere Dimensionen. Herzen. Vielleicht ein unsagbar schmerzliches Ziehen in der Brust. Oder dieses Gefühl, dass das Herz droht, in abertausende Teile zu zerspringen. Doch wir sind stark. Lassen nicht zu. Spüren wenn überhaupt vielleicht sogar nur einen Bruchteil davon. Sagen wir. Wir sind viel stärker als das. Glauben wir. Und ziehen weiter. Ein Satz. Das nächste Tipi wartet.

Ja, vielleicht gibt es nichts schmerzlicheres, als festzustellen, keinen Schmerz mehr zulassen zu können.

 

eine kerbe liebe.

Ja, ich könnte sie säubern. In die Waschmaschine legen und die Spuren beseitigen lassen. Die Chucks sind schon lange nicht mehr weiß. An den Sohlen haften Monate. Mit ihnen unzählige Erinnerungen. Wenn ich mich auch nicht an alle erinnern vermag. Der Stoff ist an einigen Stellen ergraut. Das Leben hinterlässt seine Spuren. Man kann eben nicht alles einfach reinigen. Selbst nach einem ausgiebigen Schleudergang bleiben kleine Verfärbungen sichtbar und auch etliche weitere Versuche würden die kleine Einkerbung vorn am linken Schuh nicht ausradieren. Sie ist da. Und gehört wahrscheinlich auch genau dorthin.

Es war einer dieser Abende, an denen ich mich in mir selbst verlaufen hatte. Die Gedanken unendlich schwer. Der Körper zu schwach. Meine Chucks und ich flohen. Vor was, weiß ich auch heute nicht. Aber ich fliehe immer noch. Gelegentlich. Das Auto. Meine Comfortzone. Ich stellte die Musik an. Lied Nr. 12. Unzählige Male. Eine Lautstärke, welche die Gedanken verstummen ließ. Und ich fuhr. Planlos durch die Nacht. Es ist immer wieder merkwürdig. Hast du ein Ziel, wirst du gebremst. Alle Ampeln schalten auf rot. Als solltest du nicht ankommen. Oder lieber einen anderen Weg nehmen. Vielleicht ist das Ziel auch das falsche. Läufst oder fährst du aber einfach los, ohne zu wissen, warum oder wohin, scheint es so, als wäre das genau richtig. „Grün“ für ein Leben ohne Plan. „Grün“ für einfach drauf los. „Grün“ für Ankommen, ohne zu wissen, wo. Ich mag grün. Ich lächelte in mich hinein und ließ in diesem Moment alle Pläne hinter mir auf dem nackten Asphalt. Und trat so tief wie nur möglich auf das Gaspedal.

Einige Zeit später hielt ich in einer Seitenstraße an. Ich stellte den Motor ab, die Musik aus und ließ die Fensterscheiben runter. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ich hatte die Zeit vergessen. In mir machte sich diese seltene Zufriedenheit breit. Ich stieg aus dem Wagen und stolperte über einen großen schmutzigen Betonklotz, der vor der Bordsteinkante lag. Einige Sekunden lang ärgerte ich mich darüber. Es sind „weiße“ Chucks. Auf dem Klotz war ein Herz aus Kreide aufgemalt.

Diese Kerbe an meinem linken Schuh. Ich liebe sie.

regen. vielleicht.

Vielleicht zeige ich dir irgendwann,
wie schön der Regen sein kann.

Während sich die Welt da draußen versteckt unter Regenschirmen schützt, laufen wir lachend durch die Pfützen. Frei und losgelöst halten wir uns lachend an den Händen. Unsere Gesichter getränkt von Träumen.

Vielleicht zeige ich dir irgendwann,
wie schön der Regen sein kann.

Die Straßen leergefegt. Brennende Lichter hinter Fensterscheiben. Trist ist drinnen. Aber wir. Wir sitzen eng umschlungen in unserem 1-Mann-Zelt im städtischen Vorgarten und hören stundenlang zu, wie uns der Regen unsere Lieblingslieder spielt.

Vielleicht zeige ich dir irgendwann,
wie schön der Regen sein kann.

Hochgezogene Mäntelkragen, getragen von schlecht gestimmten Gesichtern. Stattdessen ragen wir unsere Köpfe so hoch wie nur möglich und noch weiter in den Himmel, als uns ein kräftiger Schauer neuen Glanz in unsere Augen legt.

Vielleicht zeige ich dir irgendwann,
wie schön der Regen sein kann.

Wettervorhersage. 36 Stunden Regen. Unzählige gestrichene Pläne.
Doch wir. Wir legen unsere Kalender ins offene Fenster. Die Tinte verwischt.
Regen. Endlich.

von Dingen.

Ich stehe mitten im Geschäft,  einen Zettel in der Hand haltend und frage mich, was ich hier überhaupt mache. Unzählige Begriffe umfasst die Liste. Dinge, die gebraucht werden. Dinge, die ich brauche. Die Liste abarbeitend lege ich Teil für Teil in den Einkaufswagen, der sich stetig füllt. Doch ich sehe nur Leere. Dinge, die ich (nicht) brauche. Stattdessen denke ich über die Dinge nach, die ich will. Sind diejenigen, die ich brauche auch die, die ich will? Ich will Frühling, ich wünsche mir etwas, das so süß ist, dass ich berauscht davon bin. Ich stehe vor unzähligen Blumen, die zum Verkauf angeboten werden und nehme nach und nach den Duft der einzelnen Sträuße wahr. Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Am liebsten würde ich alle kaufen. Es sind sicherlich um die 40. Die Vorstellung, aus meiner Wohnung ein Blumenmeer zu kreieren, gefällt mir. Blumen stehen nicht auf meiner Liste. Dinge, die ich nicht aufschreiben brauche, weil ich sie nicht vergessen würde. Letztendlich entscheide ich mich für Tulpen. Ohnehin hätte ich mich für Tulpen entschieden, ganz egal wie wunderschön alle anderen Blumen gewesen wären. Ich lege den Strauß behutsam in den Wagen. Und bin zufrieden. Kurze Zeit später bemerke ich, wie mich ein recht attraktiver Herr beobachtet. Ich laufe weiter. Den Strauß Tulpen vor mich herschiebend.

In dem Gang, in dem die alkoholischen Getränke angeboten werden, bleibe ich stehen. Die Auswahl ist erschlagend. Ich wähle das, was ich kenne. Was ich mag. Und überlege einen Moment lang, was das wohl über mich aussagt. Entschlossen lege ich den 4-Pack des guten alten Beck’s in neuer überarbeiteter Auflage in den Wagen. Der Mann beobachtet mich immer noch. Ich bin etwas irritiert. Und schaue in seinen Einkaufswagen. Er hat offensichtlich Kinder. Und ernährt sich ziemlich gesund. Sicher ein Vegetarier. Ich hasse diese Analysen! Jeder Mensch hat so Dinge, von denen er meint, ohne sie nicht leben zu können. Auch ich. Zumindest sage ich von mir selbst, ohne sie nicht leben zu wollen. Die Sparte #NichtOhneMeineLebensmittel wird mit Abstand angeführt von einem sehr köstlichen Gebäck. Und so gesellen sich auch Cantuccini dazu. Wer schonmal richtig gute Cantuccini gegessen hat, weiß, wovon ich spreche. Am liebsten würde ich die Packung sofort aufreißen! Ich halte mich zurück und freue mich über den Anblick. Frühling in Italien mit einem kühlen Bier.

Nachdem ich die restlichen Einkäufe im Wagen platziert habe, stelle ich mich in die Warteschlange und treffe auf den Mann, der mich nach wie vor beobachtet. Es erscheint mir etwas befremdlich und ich frage ihn höflich, ob ich irgendetwas im Gesicht hätte, weil ich der Ansicht wäre, dass er mich bereits seit mehreren Gängen beobachte. Seine Antwort auf diese Frage lässt mich an eine Postkarte erinnern, die gerahmt auf meinem Schreibtisch steht. Die besten Dinge sind jene, die es für Geld nicht zu kaufen gibt.

Mit einem Lächeln lege ich die Dinge, die ich will und die Dinge, die ich (nicht) brauche auf das Kassenband.