whatever.

Es ist ein unglaublich schöner Tag.

Mitten im Menschenmeer. Über uns der Himmel. Vor uns die Bühne. Es regnet in unsere strahlenden Gesichter. Nichts und niemand kann uns in diesem Moment etwas anhaben. Solange wir jung sind, solange wir frei sind, solange wir steil gehn‘ singt VONA und wir glauben das. Das Beste kommt noch. Unsere Haare sind nass. Die Sonne scheint. Erst ein Regenbogen, dann ein zweiter darüber. Habt ihr jemals zwei Regenbögen am Himmel gesehen? Wir lachen bis über beide Ohren und weiter. Wir machen den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag. Jede Textzeile könnte von uns stammen. Wir tanzen. Singen lauthals mit. Mitten im Regen unter den Bögen und wollen hier nie mehr weg. Alles hüpft, alles swagt, alles tanzt.  Der nächste Song. Die Klänge der Instrumente gehen ins Mark. Unsere Herzen schlagen synchron zum Beat. Wir schließen kurz die Augen. Melancholie.

PAUSE. Vor uns unterhält sich eine Gruppe junger Mädchen. Freundinnen. Wir vor 15 Jahren. Oder irgendwie anders. Die Karten mit ihrem Taschengeld gekauft. Emma liebt den Gitarristen. Ein paar Konzerte lang. Vielleicht auch für immer. Egal. Solange wir jung sind, so lange wir frei sind, so lange wir steil gehn‘. Eine der Freundinnen wirft sich eine Pille ein. Pflichtbewusst um 20:00 Uhr – was haben Sie gedacht?! Sie unterhalten sich. Über das Leben. Über die Liebe. Und es ertönt „Wo ist der Sinn, Sinn, der mich am Leben hält?“ Und ich denke mir: scheiße, verdammt.  Habt ihr ein Glück. Dass das Beste noch kommt. Und die Menge springt.

Die Vorband verabschiedet sich. Und da kommt diese Melodie, dieses Lied, ich war nie so verliebt, war noch nie so verliebt und alles beginnt sich zu drehen.

Ich trage das Cap verkehrherum. Und springe mit dir an der Hand und der Musik im Herzen Richtung Himmel. Verrückte Nacht.

nachts ist alles möglich.

Ich schreibe mir die Nächte um die Ohren. Die Worte, die meinem Herzen entspringen, sind fühlbar. Spürbar. Millimeter für Millimeter kann ich jeden einzelnen Buchstaben, jedes Satzzeichen, auf dem Weg über meine Schultern bis hin zu meinen Armen und Handgelenken bis über meine Fingerspitzen, die sich dann auf die Tatstatur legen, fühlen.

Die Wände sind weiß. Meine Hände bluten, weil ich nicht weiß, wohin mit all den Zeilen. Ganze Wohnhäuser könnte ich bemalen. Vielleicht wären es auch bloß Punkte, die funkeln würden wie Sterne, bei dem Versuch, mich zur Sprache zu bringen. Ich öffne ein neues Dokument. In Sekundenschnelle habe ich mehrere Seiten gefülllt. Wirrwarr. Niemand, der versteht, was geschrieben steht. Eine Sprache, die noch nicht erfunden ist. Worte, für die es keine gibt. Meine Hieroglyphen werden musikalisch unterstützt. In den Noten liegt die Antwort. Man muss nur hinhören.

Ich höre immer wieder den gleichen Song. Und schlage mir die Nächte um die Ohren. Es sind die Töne, diese aberfeinen Klänge, die ausdrücken, was für scheinbar alle nicht entzifferbar geschrieben steht. Ich schließe die Augen. Alles ist klar. Sobald ich die Instrumente höre, kehrt innerliche Ruhe ein. Ich höre die Musik noch lange, nachdem sie ausgeschaltet ist. Manchmal spiele ich nachts auf der Gitarre die Sterne nach.

staub.

Alle paar Jahre sortiere ich aus. Oft räume ich die Dinge nur von A nach B. Dennoch. Ich sortiere aus. Einiges findet dann doch auf Ebay einen neuen Besitzer. Anderes wandert in den Keller. Dorthin, wo all die Dinge altern, die ich aussortierte – von denen ich mich aber doch nicht trennen kann. Eine Jeans, die ich vielleicht irgendwann doch noch mal nicht tragen werde. Ein Buch, das ein Geschenk war und das ich schon aus diesem Grund nicht wirklich weggeben kann. Eine Glasschale, für die ich keine Verwendung finde, die ich aber irgendwann mal gekauft hatte, weil ich eine Idee für eine Verwendung hatte. Oder auch nicht. Ein Bettgestell, das eigentlich viel zu schmal aber so wunderschön ist, dass ich es nicht weggeben könnte. Mit jedem Umzug ziehen die Dinge, ich ich aussortiert habe, mit mir mit. Man könnte sie ja noch mal gebrauchen, rede ich mir ein. Oder brauche ich bloß das Gefühl, viele Dinge zu besitzen? Oder könnte ich Angst haben, Erinnerungen zu verlieren, wenn ich Dinge abgebe, mit denen diese verbunden sind? Oder bin ich einfach nur faul?

Neulich bekam ich zwei alte Fotos geschenkt, die mich im frühen Kindheits- und im Jugendalter zeigten. Die Person, die ich sein sollte, war mir fremd. Natürlich ist es schwer, sich so weit zurück zu erinnern. Aber selbst auf dem 16 Jahre alten Bild erkannte ich mich nicht. Nicht einmal an die Situation, in der das Foto entstanden ist, konnte ich mich erinnern. Die Miene ist undurchdringlich. Schwer zu erkennen, ob man traurig oder glücklich war. Ich frage mich, ob ich nicht vielleicht das Abbild eines der Gegenstände aus meinem Keller bin.

Vielleicht ist es an der Zeit. An der Zeit, sich von verstaubten Vergangenheiten zu trennen. Aufzuhören, sich selbst von A nach B zu räumen. In sich (zu) kehren. Vielleicht ziehen wir die Jeans, die seit 2014 im Keller liegt, noch einmal an. Nur um festzustellen, dass sie wirklich nicht gut sitzt. Ja und vielleicht schrauben wir irgendwann unser Bettgestell wieder zusammen. Und stellen dann fest, dass es zwar wunderschön ist, wir aber nicht mehr gut drin schlafen können. Vielleicht wühlen wir irgendwann in den ganzen alten Kisten und holen dann doch nur den Staub wieder raus. Wer weiß das schon.

Im Endeffekt hatten wir Recht. Was einmal aussortiert wurde, wird nicht wieder verwendet.

weil. wir.

Der Abend ist unsere angebrochene Flasche. Morgen schmeckt der Inhalt schal. Wir lassen nichts übrig und besorgen uns am Kiosk ein paar Flaschen Bier, die wir in die guten alten Zeiten schütten. Es soll Sommer sein. Aber was sagt ein Abrisszettel auf dem Kalender schon aus. Heute sind wir ein bisschen wie damals. Oder ist es das Bier, das immer noch so schmeckt wie früher? Auch die Treppe, auf der wir sitzen, ist in die Jahre gekommen. Irgendwer hat Glitzer gestreut. Wir lachen in die Ferne. Vor uns lässt ein Typ sein selbstgebautes Motorboot im See umherkreisen. Die ranzige Deichmann-Plastiktüte funktioniert als Segel ausgezeichnet. Manche Dinge halten ewig. Musik ertönt aus einem Ghettoblaster. Dazwischen Stimmen. Gelächter. Die Sonne geht bald unter. Die schönste Zeit des Tages.

Wir laufen durch den Park. Der Himmel ist ein Kunstwerk. Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe. Klick. Alle fotografieren mit ihren beschissenen Smartphones das gleiche beschissene Motiv, um es dann durch alle Filter zu jagen, zu #hashtagen und auf ihren Instagram-Accounts hochzuladen. Like. Like. Like. Die 168.123ste Ausführung. Der schönste Moment des Tages. Verpasst. Das Gebäude musste festgehalten werden. Ohne Foto existiert es nicht. Ist es nicht echt. Ohne Foto waren wir irgendwie nicht da. Wir müssen uns selbst davon überzeugen.

Einige Meter weiter chillt eine Menschentraube auf der Wiese. 200 Leute oder mehr. Wir realisieren erst etwas später die Stille. Niemand spricht. Nicht ein Wort. Die Gesichter blicken nach unten. Irgendwas ist da. Eine Pokemon-Arena. Herzlichen Glückwunsch! Es ist soweit. Wir reden überhaupt nicht mehr miteinander. Was ist bloß aus dieser Welt geworden? Eine Freundin verspätet sich um eine halbe Stunde. Sie musste noch #Pokemon jagen. Eine andere sagt einen Termin ab. Weil: Pokemon-Nachtwanderung. An uns fahren zwei Jugendliche mit ihren Rädern vorbei. Immer auf der Suche nach dem nächsten Pokestop. Ob die Welt wohl irgendwann ihre Schönheit verliert, weil niemand mehr zusieht?

Während andere ihren Blick nach unten gerichtet haben, schauen wir in die Sterne. Das Bier haben wir gegen Melonen-Sangrias eingetauscht. Ich spieße ein Stück Wassermelone auf und lächel vor mich hin. Die Musik ist umwerfend. Manche Momente muss man tanzen. Es ist kühl geworden. Die Zeit ist uns immer einen Schritt voraus. Wir laufen durch die City in den Morgen. Aus deinem Telefon ertönt Prinz Pi. Autos rauschen an uns vorbei. Unzählige Lichter. Lärm. Seit langem habe ich für einen Moment das Gefühl, die Stadt zu spüren. Wir atmen die Nacht. Zwischendurch springen wir. Einfach so. Und lachen.