petit fleur.

Mit geschlossenen Augen atme ich jede einzelne Duftnote ein, die mein Lieblingstee verströmt. Ein großer Becher wärmt meine bis eben noch kühlen Hände. Eigentlich für Latte Macchiatos oder dergleichen gedacht, aber wen kümmert das schon. Petit Fleur. Eine Zusammensetzung, die es nirgends sonst als in einem kleinen wunderschönen Lädchen gibt, das auf den ersten Blick gar nicht so ansprechend wirkt. Ja, einige besonders schöne Dinge verstecken sich immer wieder hinter unscheinbaren Fassaden. Früher besuchte ich dieses gemütliche Café öfter. Die Innenausstattung lädt zum Träumen ein. Nostalgische Caféhaus-Möbel mit Blumenmuster-Polstern. Die alten Holzlehnen erzählen immer wieder neue Geschichten. Hier und da ein paar grüne Lampions, welche die runden kleinen Tische und die Gesichter, die sich daran versammeln, schwach erleuchten. Dazwischen kleine silberne Teekannen. Verschiedene Teller und Tassen. Normfreie Zone. Herrlich. In diesem kleinen Laden sitzen unzählige Menschen nah beisammen und teilen sich mitunter eine lange Sitzbank. Freundliche Blicke werden ausgetauscht, das eine oder andere Lächeln, man kommt ins Gespräch. Hier scheint es, keine Außenwelt zu geben. Für diesen Moment. Man könnte meinen, an der Decke hinge ein unsichtbares Schild „Keine Smartphones. Nur Menschen“. Es ist schön. Die Kerbe auf dem Tisch ist immer noch da. Es gibt doch noch Dinge, die beständig bleiben. Mit den Fingerspitzen fahre ich die Maserung des Holzes an der Tischkante entlang. Wie seltsam schön es doch ist, dass Fehler und Macken einem das Gefühl von Sicherheit geben können. Mit dem verzierten Silberbesteck nehme ich das letzte Stück meines Kuchens auf. Hier wird noch selbst gebacken. Keine Massenproduktion. Eine verhältnismäßig kleine Auswahl für eine Menschheit, die es gewohnt ist, über einfach alles zu jedem Zeitpunkt und ohne Limit zu verfügen. Wann hat dieser Wahnsinn angefangen? Hier drinnen fühle ich mich sicher. Der Wahnsinn ist draußen. Dieser winzige Laden, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Noch einmal gehe ich die kleine Karte durch. Nichts hat sich verändert. Das muss es auch gar nicht. Manches ist gut so, wie es ist. Von der netten Bedienung lasse ich mir noch ein kleines Päckchen Tee mitgeben. Petit Fleur. Zu Hause.

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14 Gedanken zu “petit fleur.

  1. Du hast mir einen traumhaften Moment geschenkt.

    Ich habe Dich von meiner langen Sitzbank aus gesehen, wie Du vor Deinem Silberkännchen sitzend, die Maserung des Tischchens streicheltest und in Gedanken versunken jedem der Menschen, die hier in dem Cafe der stehengebliebenen Zeit einen Blick und mitunter ein nur für einen feinen Beobachter sichtbares Lächeln mit in den Tag gabst.

    Jetzt muss auch ich wieder gehen, aber die schöne Erinnerung an diesen Moment und eine detailreiche Vorstellung von dem Ort an dem Du Deinen Tee trankst, nehme ich mit mir.

    Petite Fleur.

    Dankeschön!

    Ganz liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. Wow wirklich toll geschrieben. Schön, dass es noch andere Menschen gibt, die Tee oder Getränke im allgemeinen nicht einfach nur hinunterkippen, sondern wirklich noch genießen können und auf die Aromen und Düfte achten. gefällt mir super!

    Gefällt mir

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