Des Indianers größter Schmerz

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sagst du, nachdem du dich furchtbar doll gestoßen hast und dein Zeh bläulich schimmert. Eigentlich tut es ziemlich weh. Aber nun. Indianer spüren keine Schmerzen. Sagst du.

Auch ich benutze diese Floskel. Warum? Weil ich damit aufgewachsen bin. Weil wir alle doch irgendwann mal Indianer waren. Und irgendwann aufgehört haben, den Schmerz zuzugeben. Zu fühlen. Wir sind stark. Schmerzresistent. Indianer. Tag für Tag sitzen wir in unseren Tipis, reden uns ein, dass uns nichts und niemand etwas anhaben kann und verändern unseren Genotypen. Wir sind schon lange keine Indianer mehr. Vielleicht waren wir auch nie welche. Aber es ist schön, daran zu glauben. Oder?

Ja, vielleicht wurden wir von Beginn an indirekt darauf getrimmt, keine Schmerzen zuzugeben, keinen Schmerz zuzulassen. Ursprung. Das Fühlen verlernt. So als Vorbereitung auf das Leben. Unsere Eltern spendeten uns damals auf diese Art und Weise Trost. Und dieser Trost war gut. Ja. Alles nicht so wild. Alles halb so schlimm. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und in diesen Momenten glaubten wir auch daran. Alles war halb so schlimm. Es tat nicht mehr weh. Ein Satz reichte, um den Schmerz zu nehmen. Vielleicht wussten es unsere Eltern auch damals einfach besser.

Und so zieht sich dieser eine Satz wie ein roter Faden durch das Leben. Nur dass das kleine Wehwehchen inzwischen kein Wehwehchen mehr ist. Unser blauer Fleck misst heute andere Dimensionen. Herzen. Vielleicht ein unsagbar schmerzliches Ziehen in der Brust. Oder dieses Gefühl, dass das Herz droht, in abertausende Teile zu zerspringen. Doch wir sind stark. Lassen nicht zu. Spüren wenn überhaupt vielleicht sogar nur einen Bruchteil davon. Sagen wir. Wir sind viel stärker als das. Glauben wir. Und ziehen weiter. Ein Satz. Das nächste Tipi wartet.

Ja, vielleicht gibt es nichts schmerzlicheres, als festzustellen, keinen Schmerz mehr zulassen zu können.

 

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9 Gedanken zu “Des Indianers größter Schmerz

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