alles wie immer (II)

Vor 6: Ich bin wach. Musik klingelt mich aus der unruhigen Nacht. Auf meinem Radiowecker steht „dream machine“. Bullshit, der mir dennoch ein Lächeln schenkt. Es ist dunkel. Mir ist kalt. Robotermodus eingeschaltet.

Vor 8: Ich stehe an der Ampel und blicke auf die Heckscheibe des mir vorausfahrenden Fahrzeugs, welche ein furchtbar hässlicher Aufkleber ziert. „Bitte Abstand halten – so gut kennen wir uns auch nicht!“ Ich bin geneigt, Vollgas zu geben und aufzufahren.

8 Minuten später: Ich stehe immer noch an der Ampel. Im Auto rechts neben mir zupft sich eine junge Frau im Rückspiegel die Augenbrauen und raucht bei geschlossenem Fenster zeitgleich eine Zigarette, während der Hintermann ein Hupkonzert veranstaltet.

Vor 9: Ich trinke den 6ten Kaffee. Stirb an einem anderen Tag. Während ich die 26 Mails im Postfach von seit-gestern-Abend durcharbeite, gesellen sich die nächsten 38 dazu.

Vor 11: Zwischen Aktenstapeln, Papierbergen und neu eingehender Post, ununterbrochenem Telefonklingeln und permanentem Klopfen an meiner Bürotür suche ich vergeblich ein Erdloch.

Vor 12: Ich muss seit mindestens 3 Stunden zur Toilette. Jetzt aber. Doch nicht. Es klingelt wieder. Und klopft. Und pop up´t auf meinem Bildschirm. Gleich. Aber wirklich.

Vor 13: Mein Magen knurrt. Schnell Kaffee Nr. 11. Und die nächsten 16 E-Mails.

Wenige Minuten später: Whats’App-Benachrichtigungen auf meinem Smartphone. „Du wurdest in die Gruppe „Mittagspäuschen, und ihr so?!“ eingeladen.“ Die anderen 6 Teilnehmer haben bereits ausschweifend geantwortet. Eine lädt ein Foto von ihrem 3-Gänge-Menü hoch. In meiner Schublade finde ich noch einen Keks von letzter Woche. Mittag.

Vor 14: Ich trainiere mir den Keks wieder ab, während ich von Etage zu Etage sprinte, um hier und da noch etwas zu besprechen.

Vor 15:  Von meinem Bürofenster aus beobachte ich, wie Dixi-Klos auf einer großen Ladefläche die Straße entlang transportiert werden. Ich renne. Und besorge mir nebenbei schnell noch einen Kaffee. Auf dem Rückweg werden mir weitere Papiere in die Hand gedrückt.

Vor 16: Ich stehe im Stau. Notiere mir nebenher ein paar Geistesblitze. Strategien. Überlegungen. Beantworte so gut es geht meine 31 ungelesenen WhatsApp-Nachrichten, 2 E-Mails, telefoniere schnell mit einer Freundin, nippe an meinem coffee-to-drive und schreibe einen Einkaufszettel.

Vor 18: Ich stehe im Supermarkt und stelle fest, dass ich den Einkaufszettel im Auto liegen lassen habe. Ich versuche, mich an die wichtigsten Dinge zu erinnern und kaufe Wein ein. An der Kasse drängelt sich eine alte Dame vor. Rentnerin sicherlich. Sie hat es eilig. Sicher keine Zeit. Die Kassiererin ist unfreundlich und hat ein Problem mit dem Scanner. Und mit der Kasse. Und mit sich selbst.

Vor 19: Es ist dunkel. Kein Parkplatz. Nach knappen 10 Minuten Fußweg erreiche ich die Wohnung. Ich schalte das Licht ein. Und den PC. Neue E-Mails überraschen mich.

Vor 20: Das Kind in der Wohnung über mir bekommt einen Tobsuchtsanfall, weil es offenbar beim Basketballspielen im Kinderzimmer den Korb nicht trifft.

20 Minuten später: Es trifft den Korb immer noch nicht.

Vor 21: Ich beantworte Mails. Suche Fehler. Korrigiere sie. Durchforste Zahlen. Schreibe nette Briefe. Böse Briefe. Arbeite nach. Und vor.

Vor 22: Kurze Pause. Ich hänge die Wäsche auf. Mache „das bisschen Haushalt“ und breche versehentlich den Korken beim Öffnen der Weinflasche ab. Ich hole einen Schraubenzieher aus der Schublade. Wie so eine Verrückte. Und genieße einen Schluck Rotwein, während der Notdienst im Treppenhaus seit einer halben Stunde krampfhaft versucht, mit einem Stahlbohrer durch den Türbeschlag der Nachbarn zu kommen.

23: Ich schalte den PC aus. Feierabend.

30 Minuten später: Ich versuche zu schlafen.

24: Ich kann nicht schlafen. Denke über die Dinge nach, die morgen, inzwischen heute, noch zu tun sind. In Gedanken bearbeite ich Akten.

01: Versuche, den Aus-Schalter des Robotermodus zu finden und stelle fest, dass es nur stand by gibt. Zeitlich begrenzt. Auf nun noch knapp 5 Stunden.

Vor 6: „Guten Morgen“ wünscht Ihnen die dream machine. Betreten Sie nun ihr Hamsterrad. Keine Sorge, es ist alles wie immer.

 

petit fleur.

Mit geschlossenen Augen atme ich jede einzelne Duftnote ein, die mein Lieblingstee verströmt. Ein großer Becher wärmt meine bis eben noch kühlen Hände. Eigentlich für Latte Macchiatos oder dergleichen gedacht, aber wen kümmert das schon. Petit Fleur. Eine Zusammensetzung, die es nirgends sonst als in einem kleinen wunderschönen Lädchen gibt, das auf den ersten Blick gar nicht so ansprechend wirkt. Ja, einige besonders schöne Dinge verstecken sich immer wieder hinter unscheinbaren Fassaden. Früher besuchte ich dieses gemütliche Café öfter. Die Innenausstattung lädt zum Träumen ein. Nostalgische Caféhaus-Möbel mit Blumenmuster-Polstern. Die alten Holzlehnen erzählen immer wieder neue Geschichten. Hier und da ein paar grüne Lampions, welche die runden kleinen Tische und die Gesichter, die sich daran versammeln, schwach erleuchten. Dazwischen kleine silberne Teekannen. Verschiedene Teller und Tassen. Normfreie Zone. Herrlich. In diesem kleinen Laden sitzen unzählige Menschen nah beisammen und teilen sich mitunter eine lange Sitzbank. Freundliche Blicke werden ausgetauscht, das eine oder andere Lächeln, man kommt ins Gespräch. Hier scheint es, keine Außenwelt zu geben. Für diesen Moment. Man könnte meinen, an der Decke hinge ein unsichtbares Schild „Keine Smartphones. Nur Menschen“. Es ist schön. Die Kerbe auf dem Tisch ist immer noch da. Es gibt doch noch Dinge, die beständig bleiben. Mit den Fingerspitzen fahre ich die Maserung des Holzes an der Tischkante entlang. Wie seltsam schön es doch ist, dass Fehler und Macken einem das Gefühl von Sicherheit geben können. Mit dem verzierten Silberbesteck nehme ich das letzte Stück meines Kuchens auf. Hier wird noch selbst gebacken. Keine Massenproduktion. Eine verhältnismäßig kleine Auswahl für eine Menschheit, die es gewohnt ist, über einfach alles zu jedem Zeitpunkt und ohne Limit zu verfügen. Wann hat dieser Wahnsinn angefangen? Hier drinnen fühle ich mich sicher. Der Wahnsinn ist draußen. Dieser winzige Laden, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Noch einmal gehe ich die kleine Karte durch. Nichts hat sich verändert. Das muss es auch gar nicht. Manches ist gut so, wie es ist. Von der netten Bedienung lasse ich mir noch ein kleines Päckchen Tee mitgeben. Petit Fleur. Zu Hause.

fallen. lassen.

Mit angewinkelten Beinen springe ich. Ich springe. Und springe. Die Arme weit ausgestreckt. Flügel für den Augenblick. Die Leichtigkeit mit aller Kraft zusammengenommen. Mit geschlossenen Augen springe ich. So hoch ich kann. Den Himmel atmend. Is the sky the limit? Ich öffne die Augen. Betrachte meinen eigenen Schatten. Von hier oben sieht er winzig aus. Noch ein Sprung bis zu mir selbst. Und dann lasse ich mich fallen. Fallen in dem Wissen, dass ich aufgefangen werde. Ein Gefühl, das das Erreichen unendlicher Höhen möglich macht. Sanftes Fallen wie ein Blatt. Aufgefangen vom Wind. So hoch wir auch springen, so tief können wir fallen. Harter Aufschlag oder sanfte Landung. Am Ende kommt es nur darauf an, ob da Wind ist. Und ob du den Wind spürst.

Des Indianers größter Schmerz

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sagst du, nachdem du dich furchtbar doll gestoßen hast und dein Zeh bläulich schimmert. Eigentlich tut es ziemlich weh. Aber nun. Indianer spüren keine Schmerzen. Sagst du.

Auch ich benutze diese Floskel. Warum? Weil ich damit aufgewachsen bin. Weil wir alle doch irgendwann mal Indianer waren. Und irgendwann aufgehört haben, den Schmerz zuzugeben. Zu fühlen. Wir sind stark. Schmerzresistent. Indianer. Tag für Tag sitzen wir in unseren Tipis, reden uns ein, dass uns nichts und niemand etwas anhaben kann und verändern unseren Genotypen. Wir sind schon lange keine Indianer mehr. Vielleicht waren wir auch nie welche. Aber es ist schön, daran zu glauben. Oder?

Ja, vielleicht wurden wir von Beginn an indirekt darauf getrimmt, keine Schmerzen zuzugeben, keinen Schmerz zuzulassen. Ursprung. Das Fühlen verlernt. So als Vorbereitung auf das Leben. Unsere Eltern spendeten uns damals auf diese Art und Weise Trost. Und dieser Trost war gut. Ja. Alles nicht so wild. Alles halb so schlimm. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und in diesen Momenten glaubten wir auch daran. Alles war halb so schlimm. Es tat nicht mehr weh. Ein Satz reichte, um den Schmerz zu nehmen. Vielleicht wussten es unsere Eltern auch damals einfach besser.

Und so zieht sich dieser eine Satz wie ein roter Faden durch das Leben. Nur dass das kleine Wehwehchen inzwischen kein Wehwehchen mehr ist. Unser blauer Fleck misst heute andere Dimensionen. Herzen. Vielleicht ein unsagbar schmerzliches Ziehen in der Brust. Oder dieses Gefühl, dass das Herz droht, in abertausende Teile zu zerspringen. Doch wir sind stark. Lassen nicht zu. Spüren wenn überhaupt vielleicht sogar nur einen Bruchteil davon. Sagen wir. Wir sind viel stärker als das. Glauben wir. Und ziehen weiter. Ein Satz. Das nächste Tipi wartet.

Ja, vielleicht gibt es nichts schmerzlicheres, als festzustellen, keinen Schmerz mehr zulassen zu können.