Der Morgen danach.

Es scheint einen kurzen Moment lang, als würden Welten zwischen Tagen liegen. Leere Sekt- und Bierflaschen teilen sich mit ebenso leeren Tonic-Water-, Wein-, Ouzo- und Ginflaschen einen übergroßen Platz in der Küche. Hier und da ein wenig Konfetti. Schmutziges Geschirr. Überbleibsel. Der Morgen trägt eine feine, leicht wahrzunehmende Brise rauchiger Nacht in das Heute. Wenig später liegt nichts mehr in der Luft. Ausgelöscht. Alles auf 0. Aber irgendwie auch nicht.

Fremde Vorsätze, auf kleinen Post its notiert, kleben an Fensterscheiben.

Dieses Jahr werde ich mich gesünder ernähren.
Dieses Jahr werde ich mehr (oder überhaupt mal) auf mein Bauchgefühl hören.
Dieses Jahr werde ich meine Steuererklärung für 2014 abgeben.
Dieses Jahr werde ich mich sozial engagieren.
Dieses Jahr werde ich meine Kontakte mehr pflegen.
Dieses Jahr werde ich.
Dieses Jahr werde.
Dieses Jahr.
Dieses.
Dieses Jahr aber wirklich!

Vorsätze, die leicht verbraucht schmecken. Fad und trocken wie das Brötchen vom Vortag, das am nächsten Tag doch im Mülleimer landet. Immer wieder die gleichen Vorsätze, nur um sie am letzten Tag des Jahres in das nächste zu tragen.

Wenige Stunden zuvor. Nach ein paar Drinks wirkt selbst der aberkleinste Funke, den das Steichholz beim Entzünden wirft, wie das schönste Feuerwerk. In dieser Nacht ist im nächsten Jahr alles möglich. Auch ich schaue in den Himmel. Werfe ein paar Täume hinauf in der Hoffnung, dass Glitzer draus wird.

Doch Silvester ist nicht mehr als ein durchschnittlicher one night stand. Ein schöner Abend. In netter Gesellschaft. Feucht fröhlich, am Ende mit einer Explosion, wenn man etwas Glück hat. Am Morgen danach werden die Spuren verwischt. Vielleicht haben wir Glück und behalten eine schöne Nacht in Erinnerung. Und dann gehen wir unsere Wege.

Ich habe keine Vorsätze für dieses Jahr. Auch nicht für das nächste. Oder für 2038.

Leben wäre schön.
Ein bisschen mehr Sein.
Ein bisschen mehr lächeln.

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9 Gedanken zu “Der Morgen danach.

  1. „Leben wäre schön. Ein bisschen mehr Sein. Ein bisschen mehr lächeln.“ Das übernehme ich so und unterschreibe den Rest. Doch es wird uns nicht geschenkt werden, wir müssen schon selbst mehr leben, mehr Sein und mehr Lächeln. Nicht als Vorstaz, sondern als klarer Auftrag für jeden neuen Tag.

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