.

Advertisements

hinter dem steuer (die erste)

Es gibt so Momente im Leben.

Ich sitze im Auto. Schalte das Radio ein und werde von meinem elektronischen Freund mit einem freundlichen „Hello“ in Laufschrift begrüßt. Ich wechsle den Sender. Hello. Again. Adele und ich. Wir mögen uns. Sofort erhöhe ich die Lautstärke auf Maximum. Ich fliege die Straße entlang und singe mit. Man kann singen und singen. Ich singe. Lauter als Maximum. Mit allem. Gefühl und so was. Sobald ich eines meiner zwölftausend Lieblingslieder höre, bin ich wie ausgewechselt. Ich bin dann nicht mehr ich. Sondern die Band. Oder der Sänger. Oder die Sängerin. Je nachdem. Vor allem aber bin ich der Text. Und die Instrumente. Man sieht das von außen. Wirklich. Ich bewege mich während der Fahrt als stünde ich auf einer sehr großen Bühne in einer sehr großen Arena. Ich gebe alles. Und noch mehr. In einem Auto ist alles möglich. Diverse moves like jagger. Sie haben ja keine Ahnung. Meine Finger wippen im Takt auf dem Lenkrad, das sich in ein Instrument meiner Wahl verzaubert. Mein Kopf macht seltsame Dinge. Genauso wie meine Hüften. Party hard.

Während ich diese Dinge tue schaue ich in der Regel nach vorn. Fahre ja Auto. Als ich mir gerade meine Seele aus dem Leib singe, voll im Modus bin und meine Schultern eine Art rolling-performance abliefern, schaue ich kurz nach links. Im Auto neben mir sitzen vier männliche Personen, starren mich an und lachen so überschwänglich, dass mir fast ein lässiger Hüftschwung entgleitet. Dazu vier Daumen hoch. Ich bin peinlich berührt. Nein, doch nicht. Schnell schaue ich wieder nach vorn. Und dann wieder nach links. Ich mag es ja, Menschen mit meinem Talent glücklich zu machen. Und lache laut mit. Kurz überlege ich, ein cooles Handzeichen zu übermitteln aber cool bin ich nicht. Ich bin Sängerin. Und muss Abliefern. Der Wagen verfolgt mich. Fährt immer wieder langsam an mir vorbei. Ich spiele das Spiel mit. Als der Song zu Ende ist, kommt der nächste gute. Manche Dinge sollen so sein.

Ich bin James Bay. Und ihr seid mein Publikum.

von plätzen und sätzen.

Ich mag Schreiben. Schreiben ist immer möglich. Zu jeder Tageszeit. Nachts. Und auch, während die Sonne aufgeht. Im Zug, auf Parkbänken, im Bett, in Wartezimmern, in Supermarktschlangen und auch am Meer. Ich schreibe in Notizbücher, auf lose Blattsammlungen, auf Tastaturen und manchmal auch mit Kugelschreibern auf Handinnenflächen. Worte fallen manches Mal wie Regentropfen vom Himmel. An anderen Tagen fluten sie ganze Strände. Zeilen werden Meer. Irgendwo zwischen Buchstaben, Satzzeichen und Absätzen sammeln sich Gedanken von heute und morgen. Wohin die Zeilen führen spielt dabei manchmal (k)eine Rolle. Hauptsache, sie sind da.

Dieser Text aber entsteht für meine Verhältnisse konservativ an einem klassischen Schreibtisch. Meinem neuen Arbeitsplatz. Eine große weiße Fläche vor einer weißen Wand, die nur darauf wartet, einen neuen Anstrich zu erhalten. Anstatt Büroutensilien und anderem Zeugs stehen hier außer dem Notebook derzeit lediglich Vanilleduftkerzen von Ikea (für den nötigen Kreativitätsanreger), eine Grünpflanze (für die Umwelt), ein Bier (hier erübrigen sich weitere Fragen) und ein Joghurtbecher (für das Überleben). Letzteres sollte ich bald entsorgen.

Während ich das Internet nach Wanddekorationen für Arbeitszimmer und rosafarbenen Schreibtischleuchten durchforste, bleibe ich an einem Bild hängen. Die Auswahl von Bildern ist eine durchaus schwierige Angelegenheit. Stillleben, Landschaft, Gebäude, Abstraktes, Pop-Art oder doch Katzenbabys? Bilder haben auf mich immer eine gewisse Stimmung. Es ist nicht sinnvoll, sich ein anspruchsvolles Bild über den Schreibtisch zu hängen. Ich würde nicht zum Arbeiten kommen, weil ich ständig über die Intention und die Aussage des Künstlers nachdenken würde. Oder über die Katzenbabys lachen müsste. So entscheide ich mich für etwas Simples aber dennoch Tiefsinniges. Auch wenn ich Bilder mit schlauen Sätzen eher plump finde. Es sei denn, es sind meine eigenen. Und dieser hier: „Heute nichts erlebt. Auch schön!“ Ich lache immer noch.

 

Sitzgelegenheiten.

Ich sitze auf dem Holzboden. Mit dem Rücken angelehnt an der Heizung warte ich darauf, dass die Wärme, die sich von meinem Nacken beginnend über meine Wirbelsäule erstreckt auch mein Inneres erreicht. Mit dem Zeigefinger male ich ein paar Wolken in die Luft und starre auf weiße Wände. Momentaufnahme.

Ich sitze auf einem Holzstuhl. Ein nostalgisches Kissen trägt dazu bei, dass sich Holz einen Augenblick lang wie Watte anfühlt. Vor mir liegt ein Stück Zeichenpapier. Mit einem rosafarbenen Buntstift, dessen Spitze fast vollständig abgeflacht ist, male ich ein paar Herzen auf Papier. Kitschiger wird es heute nicht.

Ich sitze auf einem weißen Hocker im weißen Bad und starre auf weiße Armaturen vor weißen Wänden. Meine Fußnägel sind frisch lackiert. Dunkelrot wie der roteste Rotwein. Mit den Zehen berühre ich die schwarzen Fliesen. Rot als Grauzone. Bunter wird es heute nicht.

Ich sitze auf dem Bett. Die Beine zu einem halbwegs perfekten Schneidersitz geformt schaue ich aus dem Fenster. Die Sonne scheint in den Raum. Die Strahlen erreichen mein Gesicht nicht. Mit geschlossenen Augen neige ich den Kopf erst ein wenig nach links, dann nach rechts, um zumindest einen Sonnenstrahl auf meiner Haut spüren zu können. Wärmer wird es heute nicht.

Ich sitze auf der Tischplatte. Lasse die Beine baumeln. Wie ein kleines Kind auf einer Schaukel. Ich starre an die Decke. Kopflos in den Wolken. Nur ohne Wolken. Und mit Kopf. Könnte schlechter sein. Verträumter wird es heute nicht.

Ich sitze auf der Couch. Links von mir etwa zwei Meter. Rechts etwa zwei Meter. Ich versuche, die Mitte zu finden und rücke immer wieder hin und her. Ich entscheide mich gegen die Mitte und für den Herzplatz. Links also. Romantischer wird es heute nicht.

Ich stehe auf.
Laufe über den Holzboden.
Steige auf den Stuhl.
Springe vom Hocker.
Tanze auf dem Bett.
Lege mich auf die Tischplatte.
Und lasse mich auf die Couch fallen.

Träume auf weißem Hintergrund.

Ich liege eng in eine graue Wolldecke eingekuschelt im Bett, als die ersten Schneeflocken des Tages am frühen Nachmittag vom Himmel fallen. Bett mit Fensterblick. Es gibt nichts schöneres, als den Wechsel der Jahreszeiten vom gemütlichsten Platz der Wohnung aus zu beobachten. Hier ist es still. Zeit zum Nachdenken. Unzählige Kissen, in die man sich hineinträumen kann. Weiße Bettwäsche, die an eine Schneedecke erinnert. Mein Blick folgt den Schneeflocken. Einige scheinen, wild umherzutanzen. Andere folgen. Ein paar dazwischen fliegen offenbar planlos durch die Luft. Unzählige kleine Träume. Wenn ich doch auch eine Schneeflocke wär… Oder zumindest die Leichtigkeit einer hätte. Eine einzelne Schneeflocke landet auf der Fensterscheibe. Mein Blick wandert an die Zimmerdecke. Hin zur weißen Papierlampe, die an eine überdimensionale Schneeflocke erinnert. Unwillkürlich muss ich lächeln. Warum ist mir das nicht schon eher in den Sinn gekommen? Schneeflocken. Das ganze Jahr über, wenn ich will.

Immer wenn es schneit, werde ich ruhiger. Weiß gibt mir ein sicheres Gefühl. Vor einem weißen Hintergrund wirkt alles klarer. Scheinbarer. Deutlicher. Selbst Liebe sieht anders aus vor einer weißen Wand. Ich träume von einem weißen Haus. Mit einer kleinen hübschen weißen Veranda, auf der jeden Abend meine Gedanken ruhen. Dem Treiben da draußen zusehen. Stille. Ich ziehe die Decke noch etwas höher. Atme den Duft der Kissen ein. Für einen kurzen Moment meine ich, den Schnee beim Fallen hören zu können. Kurze Zeit später fallen mir die Augen zu.

Mit dem Gesicht immer noch zum Fenster gerichtet wache ich wenige Stunden später auf. Es hat aufgehört, zu schneien. Ich betrachte noch einmal die Lampe. Mit einem Lächeln schiebe ich die Bettdecke beiseite.

fast car mit melancholieantrieb.

…You got a fast car
I want a ticket to anywhere
Maybe we make a deal
Maybe together we can get somewhere
Any place is better
Starting from zero, got nothing to lose
Maybe we’ll make something
But me, myself, I got nothing to prove…

…singt mir Tracy Chapman seit einer guten halben Stunde immer wieder ins Herz. Und ich frage mich, wo steht dieser Wagen bloß? Ich will auch ein fast car. Ein Ticket to anywhere. Any place.

Der Kalender schreibt Januar. Der Schnee ist längst nicht mehr weiß. Die letzten Reste werden bald schmelzen. Morgen. Übermorgen. Vielleicht. So schnell er kam, löste er sich wieder im Nichts auf. Dabei hätte ich mich so gerne noch in die weiße Decke gelegt. Mehr Spuren hinterlassen. In den Himmel geschaut. Ein paar Flocken in ein Schraubglas gelegt. In der Kühltruhe aufbewahrt. Für Abende wie heute. Stattdessen Lippenstiftspuren am Weinglas.

Nichts macht mich melancholischer als Rotwein. In Verbindung mit fast car. Auch nächstes Jahr an irgendeinem Januarabend werde ich melancholisch sein. Und das Jahr darauf. Ein Naturgesetz. Ich werde mich fragen, wo dieses verdammte Auto steht. Und sollte ich es jemals finden, wird es schnell genug sein. Und dann werde ich den Tank mit Melancholie füllen. Einfach losfahren. Und den Schneeflocken hinterherjagen. Und ein paar einfangen. Nothing to lose.