farblos. einfach nur farblos.

So manche Wahrheit von gestern tut auch morgen noch weh.

Nichts böses ahnend flanierte ich mit einer lieben Freundin (ich nenne sie mal Katrin) zum TÜV Schrägstrich Autowerkstatt. Katrin ist blond, kennt sich mit Autos aus und hat gute Augen. Ich bin nicht blond, habe eine leichte (erhebliche) Sehschwäche und das einzige, was ich über Autos weiß, ist, dass ich sie gut fahren kann.

Kurz vor Erreichen des TÜV’s Schrägstrich Autowerkstatt – es war ein sonniger Tag, hier und da hingen ein paar wattebauschige Wolken am Himmel, die der Sonne aber nicht trotzen konnten – erfuhr ich etwas, das ich nicht erfahren wollte. Ehrlich, ich muss nicht alles wissen! „Oh Gott, du hast ja links graue Haare!!!“ schrie sie schon fast in die Welt hinaus und sah mich dabei mitleidig an (Katrin kann gut mitleidig gucken).

Stille.

Die Wolken zogen zu. Der Himmel grau. Ich, regelrecht verstört, suchte panisch in den Tiefen meiner Handtasche nach einem Spiegel. Und wieder „Du hast da seitlich links ja echt vieeeeeeele graaaaaauuuuueeeeeee Haare!“ Ich erntete so viele mitleidige Blicke mir namentlich nicht bekannter Personen, dass ich hätte eine Spendendose aufstellen und reich werden können. Aber ich war zu sehr damit beschäftigt, den Handspiegel in meiner Tasche nicht zu finden. Und wieder. „Du, Strähnen gehen nicht mehr, du musst jetzt komplett färben! Und das mit 30!“ Volle Breitseite. Ich schätze es ja immer sehr, wenn Menschen besonders ehrlich zu mir sind.

Bei Abholen des Wagens bin ich mir sicher, von den Automännern und anwesenden Kunden und auch von der fiesen Ladenkamera mit spöttischen Blicken ins Visier genommen und dann in eine Schublade verfrachtet zu werden. Alt. Grau. Abgestempelt. Abgelehnt. Man nennt mich nun Silberrücken. In einer Felge suche ich akribisch mein Spiegelbild ab. Und sehe es. Ich rücke so nah es geht, an die ausgestellte Chromfelge ran. Mein Atem hinterlässt bereits Spuren auf der Oberfläche. Gerade, als ich das erste farblose (nicht grau, es ist einfach nur farblos!) Haar rausrupfen möchte, kommt mir einer der Angestellten zuvor und bittet mich höflich, die Räumlichkeiten doch zu verlassen. Ich glaube, er hat Angst vor alten Menschen. Das Leben ist ein hartes.

Katrin lacht. Sie hat keine farblosen Haare. Katrin darf ab sofort nur noch rechts von mir sitzen. Und rechts von mir laufen. Sie schuldet mir jetzt viele Drinks.

Letzte Nacht schlief ich mit einer Mütze. Nie habe ich mir den Winter sehnlicher gewünscht.

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12 Gedanken zu “farblos. einfach nur farblos.

  1. Ein wunderwunderwundervoller Text! Ich liebe ihn! Und ich musste SO lachen. Du schreibst göttlich! Und ich kann mich sehr mit dir identifizieren. Mein schwuler Friseur sah machte mich entsetzt auf meine grausträhne, silbergrau ganz hell, aufmerksam und alle umliegenden Mitarbeiter warfen mir verstörte Blicke zu, welche nur so strotzten vor Mitleit. Ein seltsames Gefühl, das Alt werden auch noch sichtbar für Andere, mit noch nicht einmal dreißig! Willkommen im Club. 🤓😉 herzlichen Gruß

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    1. Du bist echt eine treue und so liebe Leserin – danke! Auch für die vielen Kommentare und Komplimente. Ich freue mich jedes Mal über dein Feedback. Ein schwuler Friseur? Das ist ja so gar nicht klischeelastig 🙂 Lass uns unsere farblosen Strähnen mit Stolz tragen. Lieben Gruß

      Gefällt 2 Personen

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