auf regen folgt sonnenschein.

Oft sind es die traurigen Geschichten, die wahr sind…

Gestern Abend las ich vor dem Einschlafen ein Buch. Das mache ich sehr oft. Lesen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber das weißt du nicht. Diesen Monat ist es das vierte Buch. Es ist eine traurige Geschichte. Sie ist wahr. Eine Passage erinnerte mich an dich. Nein. Ich erinnere mich nicht an dich. Diese wenigen Zeilen erinnerten mich an das, was nie war. Vergangene Nacht hatte ich einen schlimmen Albtraum. Ich war froh, als der Wecker heute früh um 05:00 Uhr klingelte. Es ist bereits Vormittag. Trotzdem. Die Gespenster wollen nicht aus meinem Kopf. Ich trinke inzwischen den dritten Kaffee.

Ein einziges Mal habe ich mich gefragt, warum du gegangen bist. Doch wäre eine Antwort keine Erklärung gewesen. Für mich nicht. Danach habe ich aufgehört, an dich zu denken. Aber ein großes Fragezeichen schwirrt gelegentlich in meinem Kopf herum. Wie ich wohl wäre, wenn du wärst. Wenn du geblieben wärst. Meistens schwemmt der Regen diese Frage an. Heute morgen hat es stark geregnet. Mein Mantel war vollkommen durchnässt. Ich hing ihn an eine Garderobe. Als ich meinen Blick dorthin habe schweifen lassen, konnte ich die Fragen den schwarzen schweren Stoff heruntertröpfeln sehen. Ich habe den Mantel weggelegt. Die Fragen aber blieben.

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Ich frage mich, ob du noch weißt, dass du mich geboren hast. Ob ich jemals deinen Herzschlag hören konnte. Durfte. Ob du mich eine Sekunde lang geliebt hast. Oder war an dieser einen kleinen Stelle in deiner Brust von Anfang an ein Loch aus Eis? Ohne Herz kein Leben. Ich frage mich, ob du schon immer tot warst.

Du hast mich einfach ausgetauscht. Wie ein kaputtes Spielzeug, das es nicht mehr zu reparieren lohnt. Ob du wohl jemals mit mir gespielt hast?

Weißt du eigentlich, wie es ist, nie einen Geburtstagskuchen gebacken zu bekommen?
Weißt du eigentlich, wie es ist, kein Kind sein zu dürfen?
Weißt du eigentilch, wie es ist, zu fallen, ohne aufgefangen zu werden?
Weißt du eigentlich, wie es ist, nie eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt zu bekommen?
Weißt du eigentlich, wie es ist, nie getröstet zu werden?
Weißt du eigentlich, wie es ist, bei Schulaufführungen immer die einzige zu sein, deren Eltern nicht im Schulsaal sitzen?
Weißt du eigentlich, wie es ist, nie Worte wie „Ich bin stolz auf dich!“ oder „Alles wird gut!“ zu hören?
Weißt du eigentlich, wie es ist, allein zu sein?
Weißt du eigentlich, wie es ist…
Weißt du eigentlich, wie es…
Weißt du eigentlich, wie…
Weißt du eigentlich…
Weißt du…
Weißt…

..
.

Nein. Das weißt du nicht. Aber ich bin dir nicht mal böse. Ich hasse dich auch nicht. Ich habe nichts für dich übrig. Nicht mal ein winzig kleines Gefühl. Da ist einfach nur nichts. Ein Loch. Aus Eis.

Ich frage mich, was das wohl über mich aussagt. Was man nie hatte, kann man auch nie vermissen. Stimmt wohl. Oder auch nicht. Sag niemals nie.

Ich lese weiter im Buch. Wir haben alle eine Wahl. Immer. Wie wir sein wollen. Wer wir sein wollen. Wie wir uns entscheiden. Aber stimmt das wirklich? Wird nicht der Grundstein unseres Seins und allen daraus resultierenden Entscheidungen in unseren jungen Jahren gelegt? Wir leben. Ja. Sammeln Erfahrungen. Entwickeln Ansichten, Meinungen und Tendenzen. Und auch Neigungen und Referenzen. Aber können wir ändern, wie wir sind? Vielleicht können wir für uns verinnerlichen, wer wir nicht sein wollen. Wie wir nicht handeln möchten. Und aus dem nicht entsteht dann ein doch. Und irgendwie werden wir dann sein.

Ich habe keinen Maßstab. Ich habe nur mein Herz.

Es regnet immer noch.
Auf Regen folgt auch wieder Sonnenschein.

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4 Gedanken zu “auf regen folgt sonnenschein.

  1. Liebe Steffi, es freut mich, bist du bei mir vorbei gelaufen. Und da ich ein neugieriges Wesen bin, musste ich doch gucken…und ich freue mich. Du hast eine wunderbare Art zu schreiben. Es fühlt sich für mich authentisch und von Herzen an. Liebe Grüsse Erika

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Erika, danke sehr für deinen Kommentar! Neugierde ist was schönes 🙂 Authentisch zu wirken halte ich für sehr wichtig, so dass es mir eine Freude ist, so wahrgenommen zu werden. Immer mit dem Herzen dabei.

      Liebe Grüße an dich!

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  2. Ich möchte gern eine kurze Passage herausgreifen, die mich seit dem Lesen sehr beschäftigt:

    „Wird nicht der Grundstein unseres Seins und allen daraus resultierenden Entscheidungen in unseren jungen Jahren gelegt? […] Aber können wir ändern, wie wir sind?“

    Ich denke auch, dass der Grundstein unseres Seins in unserer Säuglingszeit und Kindheit gelegt wird. Und wenn es uns in dieser uns prägenden Zeit an Liebe, Zuwendung, Spiegelung, Aufmerksamkeit etc. fehlt, dann tragen wir diesen Mangel als wie auch immer gearteten Schmerz und festen Bestandteil in uns und mit hinein ins Älterwerden.
    Doch glaube ich entschieden daran, dass wir als erwachsener, selbstverantwortlicher Mensch die Möglichkeit haben, uns diesem Schmerz auf gesundende Weise zu widmen. Ja, ich glaube, wir haben die Entscheidungsfreiheit. Wir können ändern, wie wir sind. Können uns ändern. Wachsen. Verstehen lernen. Lernen, unserem inneren Kind selbst liebevolle Eltern zu sein. Erst kürzlich habe ich wo gelesen: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.
    Ja, ich weiß, ich weiß … das klingt so leicht, so dahingeträumt, und na ja, scheitert das Leben nicht allzu oft an der Realität? Klar, doch muss es das? Nö! Ich sage nicht, das jeder Mensch wollen kann. Ich sage: wer will, kann. Kann zumindest damit beginnen. Und so ein Herz kann da ein prima Maßstab sein. Glaube ich! 🙂

    Du siehst, deine Zeilen haben mich nicht nur berührt, sondern auch zu einem solch langen Kommentar zu einer solch unmöglichen Zeit animiert. Ich hoffe übrigens, ich trete dir mit meiner „Rede“ nicht zu nahe. Ich beziehe mich wirklich bloß auf die beiden Fragen der zitierten Passage und bin weit davon entfernt, etwa Lebensratschläge erteilen zu wollen! Igitt! 😉

    Lieben Gruß dir.

    Gefällt 1 Person

    1. Ein wirklich ausführlicher Kommentar, der mich seit dem Lesen zwischendrin immer wieder zum Nachdenken anregt. Danke dafür! Vielen Dank für deine Zeilen. Ich hoffe, du hast Recht! „Wer will, kann. Kann zumindest damit beginnen.“ Diese (ja schon weisen) Worte werde ich stets im Hinterkopf behalten. (Solch‘ schlauen Sätze zu einer solchen Unzeit (Igitt!!!!!) – meine Hochachtung!!) Ich klammere zu viel. Merke es gerade selbst. Igitt!!
      Lieben Gruß.

      Gefällt 1 Person

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