auch vögel ohne flügel können fliegen.

Ein leeres Blatt Papier,
ohne Worte,
sagst du.

Ein Wimpernschlag.

Ganze Meere in einem Augenblick,
doch du siehst nur trübes Wasser.

Für Träume braucht es keinen Grund.

Ein Vogel ohne Flügel,
sagst du.

Doch auch ohne Flügel lässt es sich fliegen.

Nehme all‘ die Worte,
die ich nicht finde,
zusammen.
Stapel sie aufeinander.
So erreiche auch ich die Sterne.

Mit ausgestreckten Händen,
auf Zehenspitzen tanzend,
das Herz weit,
lässt sich ein Stück Himmel berühren.

Lass‘ dich in den Moment fallen,
wir können fliegen.

Advertisements

schneegezauber.

Ich sitze auf der Fensterbank, die Beine angewinkelt und wärme meine Hände an einer rosafarbenen Tasse winterlich duftenden Tees, als der erste Schnee des Jahres vom Himmel fällt. Ein besonderer Moment, vielleicht sogar ein wenig magisch, denke ich und beobachte von meinem Lieblingsplatz aus die kristallenen kleinen Flocken beim Tanzen. Mit dem ersten Schnee des Jahres bricht ein neues Kapitel an. Auch wenn das Jahr noch einige Zettel auf dem Abrisskalender zählt, so beginnt doch irgendwie eine neue Zeitrechnung. Die Hektik des Jahres legt sich. In diesem Moment ist alles ruhig. Zeitlos. Ein Hauch von Besinnlichkeit liegt in der Luft. Der Winter steht vor der Tür. So vollkommen überraschend und ohne Vorwarnung steht er da und klopft nicht einmal an. Vor wenigen Tagen noch undenkbar und ganze Gezeiten entfernt, tritt er heute ein. Schnell in die Schuhe geschlüpft laufe ich ein paar Schritte aus dem Haus. Die Welt duftet nach Schnee. Und nach Träumen. Den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen, stehe ich einfach nur da. Während unzählige kleine Schneeflocken meine Wangen und meine Nasenspitze kitzeln, legt sich ein Lächeln auf meine Lippen. Der Winter wird gut werden.

farblos. einfach nur farblos.

So manche Wahrheit von gestern tut auch morgen noch weh.

Nichts böses ahnend flanierte ich mit einer lieben Freundin (ich nenne sie mal Katrin) zum TÜV Schrägstrich Autowerkstatt. Katrin ist blond, kennt sich mit Autos aus und hat gute Augen. Ich bin nicht blond, habe eine leichte (erhebliche) Sehschwäche und das einzige, was ich über Autos weiß, ist, dass ich sie gut fahren kann.

Kurz vor Erreichen des TÜV’s Schrägstrich Autowerkstatt – es war ein sonniger Tag, hier und da hingen ein paar wattebauschige Wolken am Himmel, die der Sonne aber nicht trotzen konnten – erfuhr ich etwas, das ich nicht erfahren wollte. Ehrlich, ich muss nicht alles wissen! „Oh Gott, du hast ja links graue Haare!!!“ schrie sie schon fast in die Welt hinaus und sah mich dabei mitleidig an (Katrin kann gut mitleidig gucken).

Stille.

Die Wolken zogen zu. Der Himmel grau. Ich, regelrecht verstört, suchte panisch in den Tiefen meiner Handtasche nach einem Spiegel. Und wieder „Du hast da seitlich links ja echt vieeeeeeele graaaaaauuuuueeeeeee Haare!“ Ich erntete so viele mitleidige Blicke mir namentlich nicht bekannter Personen, dass ich hätte eine Spendendose aufstellen und reich werden können. Aber ich war zu sehr damit beschäftigt, den Handspiegel in meiner Tasche nicht zu finden. Und wieder. „Du, Strähnen gehen nicht mehr, du musst jetzt komplett färben! Und das mit 30!“ Volle Breitseite. Ich schätze es ja immer sehr, wenn Menschen besonders ehrlich zu mir sind.

Bei Abholen des Wagens bin ich mir sicher, von den Automännern und anwesenden Kunden und auch von der fiesen Ladenkamera mit spöttischen Blicken ins Visier genommen und dann in eine Schublade verfrachtet zu werden. Alt. Grau. Abgestempelt. Abgelehnt. Man nennt mich nun Silberrücken. In einer Felge suche ich akribisch mein Spiegelbild ab. Und sehe es. Ich rücke so nah es geht, an die ausgestellte Chromfelge ran. Mein Atem hinterlässt bereits Spuren auf der Oberfläche. Gerade, als ich das erste farblose (nicht grau, es ist einfach nur farblos!) Haar rausrupfen möchte, kommt mir einer der Angestellten zuvor und bittet mich höflich, die Räumlichkeiten doch zu verlassen. Ich glaube, er hat Angst vor alten Menschen. Das Leben ist ein hartes.

Katrin lacht. Sie hat keine farblosen Haare. Katrin darf ab sofort nur noch rechts von mir sitzen. Und rechts von mir laufen. Sie schuldet mir jetzt viele Drinks.

Letzte Nacht schlief ich mit einer Mütze. Nie habe ich mir den Winter sehnlicher gewünscht.

schöne scheißtage.

Schon wieder Regen. Eigentlich mag ich Regen. Aber nicht an diesem Morgen. Nicht heute. „Scheißtag!“ denke ich, als ich ins Auto steige. Ich lege den Gang ein, löse die Handbremse und fahre los. Manche Wege haben keine Umwege. In Gedanken male ich mir eine schmale kurvige Straße aus, die am Meer entlangführt. Auf der anderen Seite Felswände. Ich mag Meer. Wellengang. Wasser schlägt ans Ufer. Einen Moment lang kann ich es hören. Gischt. Felsen. Wasser. Sehnsucht.

Adele singt für mich. Hello. Auch Herzen können Gänsehaut bekommen. Mein Herz ist dünnhäutig. Fast kommen mir die Tränen. Es regnet. Sag mal weinst du etwa oder ist das der Regen…? Ich denke in Lyrics. Furchtbar. Schön. Furchtbar.

Ich lenke den Wagen über die Baustelle. Jeden Tag die gleiche Baustelle. Auf der Brücke liegt Schutt. Steine. Risse im Asphalt. Wie jeden Tag drossele ich das Tempo, schalte zwei Gänge runter. Recht spät fällt mir auf, dass die Baustelle längst keine mehr ist. Die Brücke ist frei. Zwar liegen hier und da noch vereinzelt Steine herum. Fahren ist aber wieder möglich. Ich bin irritiert. Vielleicht existiert diese Baustelle schon länger nicht mehr. Nur in meinem Kopf.

U2 singen für mich.

…You’re on the road but you’ve got no destination
You’re in the mud, in the maze of her imagination
You love this town even if it doesn’t ring true
You’ve been all over and it’s been all over you

U2 – die kennen mich!! Ja. Genau so.

It’s a beautiful day
Don’t let it get away
It’s a beautiful day…

Doch nicht…!

Schwere Regentropfen auf der Frontscheibe. „Scheißtag!“ denke ich. In diesem Moment kommt die Sonne raus. Ich stehe kurz vor einer Ampel. Am Himmel ein Regenbogen.

Vielleicht haben U2 ja doch Recht…

auf regen folgt sonnenschein.

Oft sind es die traurigen Geschichten, die wahr sind…

Gestern Abend las ich vor dem Einschlafen ein Buch. Das mache ich sehr oft. Lesen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber das weißt du nicht. Diesen Monat ist es das vierte Buch. Es ist eine traurige Geschichte. Sie ist wahr. Eine Passage erinnerte mich an dich. Nein. Ich erinnere mich nicht an dich. Diese wenigen Zeilen erinnerten mich an das, was nie war. Vergangene Nacht hatte ich einen schlimmen Albtraum. Ich war froh, als der Wecker heute früh um 05:00 Uhr klingelte. Es ist bereits Vormittag. Trotzdem. Die Gespenster wollen nicht aus meinem Kopf. Ich trinke inzwischen den dritten Kaffee.

Ein einziges Mal habe ich mich gefragt, warum du gegangen bist. Doch wäre eine Antwort keine Erklärung gewesen. Für mich nicht. Danach habe ich aufgehört, an dich zu denken. Aber ein großes Fragezeichen schwirrt gelegentlich in meinem Kopf herum. Wie ich wohl wäre, wenn du wärst. Wenn du geblieben wärst. Meistens schwemmt der Regen diese Frage an. Heute morgen hat es stark geregnet. Mein Mantel war vollkommen durchnässt. Ich hing ihn an eine Garderobe. Als ich meinen Blick dorthin habe schweifen lassen, konnte ich die Fragen den schwarzen schweren Stoff heruntertröpfeln sehen. Ich habe den Mantel weggelegt. Die Fragen aber blieben.

?????????????????????????????

Ich frage mich, ob du noch weißt, dass du mich geboren hast. Ob ich jemals deinen Herzschlag hören konnte. Durfte. Ob du mich eine Sekunde lang geliebt hast. Oder war an dieser einen kleinen Stelle in deiner Brust von Anfang an ein Loch aus Eis? Ohne Herz kein Leben. Ich frage mich, ob du schon immer tot warst.

Du hast mich einfach ausgetauscht. Wie ein kaputtes Spielzeug, das es nicht mehr zu reparieren lohnt. Ob du wohl jemals mit mir gespielt hast?

Weißt du eigentlich, wie es ist, nie einen Geburtstagskuchen gebacken zu bekommen?
Weißt du eigentlich, wie es ist, kein Kind sein zu dürfen?
Weißt du eigentilch, wie es ist, zu fallen, ohne aufgefangen zu werden?
Weißt du eigentlich, wie es ist, nie eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt zu bekommen?
Weißt du eigentlich, wie es ist, nie getröstet zu werden?
Weißt du eigentlich, wie es ist, bei Schulaufführungen immer die einzige zu sein, deren Eltern nicht im Schulsaal sitzen?
Weißt du eigentlich, wie es ist, nie Worte wie „Ich bin stolz auf dich!“ oder „Alles wird gut!“ zu hören?
Weißt du eigentlich, wie es ist, allein zu sein?
Weißt du eigentlich, wie es ist…
Weißt du eigentlich, wie es…
Weißt du eigentlich, wie…
Weißt du eigentlich…
Weißt du…
Weißt…

..
.

Nein. Das weißt du nicht. Aber ich bin dir nicht mal böse. Ich hasse dich auch nicht. Ich habe nichts für dich übrig. Nicht mal ein winzig kleines Gefühl. Da ist einfach nur nichts. Ein Loch. Aus Eis.

Ich frage mich, was das wohl über mich aussagt. Was man nie hatte, kann man auch nie vermissen. Stimmt wohl. Oder auch nicht. Sag niemals nie.

Ich lese weiter im Buch. Wir haben alle eine Wahl. Immer. Wie wir sein wollen. Wer wir sein wollen. Wie wir uns entscheiden. Aber stimmt das wirklich? Wird nicht der Grundstein unseres Seins und allen daraus resultierenden Entscheidungen in unseren jungen Jahren gelegt? Wir leben. Ja. Sammeln Erfahrungen. Entwickeln Ansichten, Meinungen und Tendenzen. Und auch Neigungen und Referenzen. Aber können wir ändern, wie wir sind? Vielleicht können wir für uns verinnerlichen, wer wir nicht sein wollen. Wie wir nicht handeln möchten. Und aus dem nicht entsteht dann ein doch. Und irgendwie werden wir dann sein.

Ich habe keinen Maßstab. Ich habe nur mein Herz.

Es regnet immer noch.
Auf Regen folgt auch wieder Sonnenschein.

und am fenster klebte liebe.

Tage sind nicht gleich Tage. So wie Kaffee nicht gleich Kaffee und Schokolade nicht gleich Schokolade ist. Manche Tage sind Matschepampe. Unheimlich schwer, den Kaffee zu unterscheiden. Alles schmeckt gleich. Duftet gleich. Sieht gleich aus. Überall alles nichts. Analog-Käse auf dem Aufbackbrötchen. Containertage. Dann gibt es aber auch Tage, an denen der kleine Tisch am Fenster des unscheinbaren Cafés um die Ecke Venedig ist. Cantuccini die Steigerung von Genuss. Himmelblautage. Rosarotdurchzogen. An Himmelblautagen regnet es manchmal kleine Herzen aus den Wolken. Von dem Fensterplatz aus kann man die Liebe mit ein bisschen Glück beim Fliegen beobachten. Momentaufnahme. Der Duft von frisch gerösteten Kaffeebohnen erfüllt den Raum. Ein Herz wird von einem sanften Windstoß durch die Luft gewirbelt und landet auf der Fensterscheibe. Am nächsten Tag klebt es noch immer dort. Manchmal ist das vermeintlich unscheinbare Café in Wirklichkeit Venedig. Manchmal ist die Liebe näher als sie scheint. Liebe findet ihren Weg. An Himmelblautagen. Rosarotdurchzogen.

damals (teil II)

Weißt du noch, damals…
Damals, als unser Leben Jahrmarkt war.
Bunt und laut und voller Glitzerlichter.
Keine Nacht zu lang.
Kein Weg zu weit.
Wir tragen die Welt.
Allzeit bereit.
Für ein paar Flausen.
Einfach mal ohne „was wäre wenn“,
ohne „morgen“,
ohne Plan.
Wir leben im hier und jetzt.
Sammeln ein paar Augenblicke
für unsere Rucksäcke aus Zucker
und streuen dann Konfetti drüber.
Steig‘ ein
und fahr im Glücksmomentkarussell bis dir schwindlig wird.
Heute ist nicht mal Fliegen schöner.
Unsere Herzen tragen wir heute stolz in die Welt hinaus.
Ja heute kaufen wir Glückslose.
Rosafarbene Zuckerwatte.
Und basteln Träume draus.
„Gewinne, Gewinne, Gewinne…“
Ich schieße eine Plastikrose.
Nie hat Kitsch so geduftet.
Das Rad dreht sich langsam.
Zeitlupenromantik.
Wir können überall sein.
Hoch hinaus.
Jetzt und hier.
Haltestelle Himmel gleich links.
Barfuß auf Wolken tanzen.
Handstand.
Neue Perspektive.
Die Fahrt geht weiter.
Heute. Ja heute schnallen wir uns nicht an.
„Freiheit“ auf deinem Glückslos.
Es duftet süßlich nach gebrannten Mandeln.
Weißt du noch, damals…