neulich.

„Was darf es für Sie sein?“
„Einmal Liebe bitte“
„Klein, Mittel oder Groß? “
„Groß natürlich und im Nachfüllbecher!“
„Nachfüllbecher sind aus, irgendwelche Extras für Sie?“
„Was haben Sie denn im Angebot?“
„-Einen Schuss Beständigkeit
– Eine große Portion Vertrauen
– Eine Prise Leidenschaft
„Hmm.. Und sonst?“
“ Sie können sich ihre Liebe auch selbst zusammenstellen, kostet nur ein wenig Mühe und dauert etwas länger! “
„Ach wissen Sie was, geben Sie mir doch einen einfachen Kaffee!“

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worttreiben.

Vereinzelt treiben Worte
zwischen ziegelroten Blättern
durch die Nacht
ein Windstoß
wirbelt Buchstaben umher
heute tragen Gedanken Flügel
landen sanft auf Wegen
eingehüllt in den Duft des Herbstes
Erinnerungen sitzen mit hochgezogenen Mänteln
auf der alten Parkbank
im schwachen Licht der Straßenlaternen
ein Glitzern

Ernsthaft?!

Meine Haare duften nach draußen, nach Herbst, als ich die Wohnungstür hinter mir schließe. Während ich aus meinen Schuhen schlüpfe und mir einen Zopf binde, nehme ich die Werbung, die seit Tagen auf der Kommode im Flur liegt, wahr. Ich mag keine Werbung. Jedenfalls keine, die im Briefkasten landet. Und auch keine in E-Mail-Postfächern. Und auch keine Werbung im Kino. Erst Recht nicht im Fernsehen. Ich schaue nie fern. Wegen der Werbung. Jede Woche ärgere ich mich darüber, dass der Postmann den Klebehinweis „Bitte keine Werbung“ am Briefkasten ignoriert. Man könnte meinen, er wolle mich absichtlich ärgern. Eine Verschwörung. Wer weiß da schon näheres. Letzte Woche strich ich „Bitte“ in „Bitte keine Werbung“ durch. Wieder. Werbung. Also malte ich einen Tag später ein Ausrufezeichen hinter „Keine Werbung“. Nichts. Pure Ignoranz. War da wieder Werbung drinnen. In den letzten Tagen habe ich alle möglichen Zusätze auf den Aufkleber geschrieben. Jetzt kann man den Aufkleber vor lauter Überschreibungen nicht mehr lesen. Das führt natürlich wieder zur Werbung. Ein Teufelskreis. Aus dem man nur herauskommt, wenn man den Briefkasten mit einem Brett verschanzt. Aber dieser Postmann, der ist ja ganz gewitzt. Der hat die Werbung einfach durch den Türschlitz geworfen. Der denkt wohl, er kann mich austricksen. Nichts da! Gestern habe ich die Wohnungseingangstür verbarrikadiert und den Briefkasten abmontiert. Jetzt ist Ruhe. Siehste! Am meisten hasse ich ja diese Werbung, die mit dem kostenlosen TV-Programm kommt. Eingeschweißt in Klarsichtfolie. Das nervt richtig. Wenn man die Werbung auch noch mülltrennen muss. Folie ab. In den Wertstoffsack. Drölfzigtausend Prospekte in den Papiersack. Mein Gott geht mir das auf den Sack! Deswegen landet die Werbung bei mir oft erstmal auf der Kommode. Eigentlich ziemlich doof, wenn man nach Hause kommt und ein Umzugskarton voller Werbung das Erste ist, was man sieht. Ich beschloss also, die Werbung endlich zu entsorgen. Seltsamerweise blätterte ich an diesem Tag den Prospekt durch. Mache ich sonst nie. Aber es ging um Schuhe. Okay. Ich hasse Werbung. Aber es sind Schuhe! Ich denke mir also nichts böses, blättere ein paar Seiten durch, schaue mit halbem Auge auf die angepriesenen Modelle und dann sehe ich es. Es ist ein es. Eine Spezies, die tief begraben in der Vergangenheit lag. Nie wieder ans Tageslicht zurückkehren sollte. Etwas, das so abgrundtief schrecklich ist. Und irgendwer hat es wieder zum Vorschein gebracht.

WerbungTrend-Tip. Ernsthaft?!

und dann war wieder sommer.

Während draußen die letzten noch übrig gebliebenen Blätter von den Bäumen fallen und der Wind nahezu forsch durch die kleinen Ritzen in den Fensterrahmen des alten Hauses pfeift, brennt in ihrem Zimmer noch Licht. Die schweren Vorhänge sind nicht ganz zugezogen. Auf dem Nachttisch liegen einige Bücher, ein paar Stifte und eine große Tasse köstlich duftender Tee. Daneben flackert warmes Licht in einem geschwungenen alten Kerzenhalter auf. Leise tönt ein ruhiger Song aus einem CD-Spieler.

Ihre Kleidung für den morgigen Tag liegt sorgfältig zurechtgelegt, aufeinander abgestimmt und bis ins kleinste Detail durchdacht über einem weißen Holzstuhl neben ihrem Bett. Sie ist Perfektionistin. Eine halbe Ewigkeit brauchte sie. Sie möchte gut aussehen. Einen guten Eindruck machen. Souverän erscheinen. Seriös aber auch schick, elegant und ein bisschen hip. Wenige Zentimeter weiter hängen Hosen, Blusen, Kleider, Tops, Blazer, Satin, Volants, Jeans, Ketten, Uhren, Handtaschen, Perlenohrringe, Gefühle und Gedanken wild durcheinander an Kleiderständern und Bettpfosten. Es scheint, als würde alles harmonieren und doch nicht zueinander passen. Sie ist ernst geworden. Wie ihr Leben. Ihre Kleidung.

Inmitten des Kleiderberges sitzt sie. Ihre Beine ineinander verschränkt. Ein Blick in den Spiegel verrät ihr, was sie längst wusste. Verkleidet. So fühlt sie sich. Dabei mag sie Kostüme doch so sehr. Rollen, in die sie schlüpfen kann. Darin ist sie gut. Dabei ist das einzige, was sie tragen möchte, ihr Herz. Ihr Blick bleibt an einem bodenlangen fließenden altrosafarbenem Kleid hängen. Sie hatte längst vergessen, dass es existierte. Jahre ist es her. Sie weiß noch, wie sich sich damals gefühlt hatte, als sie es trug. Verspielt. Leicht. Romantisch. Verträumt. All das, was sie jetzt nicht mehr ist. Neben dem Kleid liegt eine kleine hübsche Clutch, die sie passend dazu getragen hatte. Sie greift danach. Fährt mit ihren Fingerspitzen die Konturen der verschnörkelten Schließe entlang. Schließt für einen kurzen Moment die Augen. Und dann ist wieder Sommer.

Als sie am nächsten Morgen auf dem Holzboden aufwacht, legt sie alle Kleidungsstücke wieder zurück in die Schränke. Sorgfältig hängt sie die Blusen auf weiße Bügel, die Bügel dann auf weiße Kleiderstangen in ihren weißen Kleiderschrank. Ihr schwarzer Blazer, den sie heute tragen wollte, hängt umgeben von anderen schwarzen Blazern im Schrank. Auch ihre teuren schwarzen Pumps verstaut sie. Daneben ihre Aktentasche.

Draußen ist Herbst. Es ist kalt. In ihrem bodenlangen zarten Sommerkleid verlässt sie das Haus. Mit einem Lächeln.