alles wie immer.

Montag.

Vor 9. In der Bahn füttert eine Mutter ihr Baby mit Dany Sahne Schokopudding.
Alles wie immer.

Vor 10. An der Haltestelle steht ein Mann. Stranger Typ. Biologisch Mitte 30. Äußerlich Mitte 50. „Haste mal ne Aspirin? „Nein, leider nicht!“ „Ich nehm‘ auch ne Paracetamol!“ „Nein, die hab ich auch nicht!“ „Dann irgendwas anderes an Pillen?!“ Sicherheitsabstand.
Alles wie immer.

Vor 11.
Ein Paar streitet mitten auf der Straße. „Ey du Schl****, jetzt bleib stehen!“ Ein paar vereinzelte herausgerissene Haare fliegen durch die Luft. Geschrei. Alle gucken. Und dann weg.
Alles wie immer.

Vor 12.
Warteschlange bis nach halb 1. „Einen Vanilla latte bitte!“ „3,80 €!“ Small talk gratis. „Wie geht es dir?“ „Ja!“
Alles wie immer.

Vor 15.
Vor dem Bahnhofsgebäude liegt in einer dunklen kalten Ecke ein Obdachloser mit geschlossenen Augen. Die Lippen schmale Schlitze. Harter Steinboden. Harte Gesichtszüge. Hartes Leben. Vor ihm eine zerfledderte Holzschachtel. Hat schon bessere Zeiten gesehen. Oder auch nicht. Ein anderer Obdachloser (?) stiehlt ihm die wenigen bronzefarbenen Münzen.
Alles wie immer.

Vor 16.
Bahn. Menschen reihen wie Hühner auf der Stange eng aneinander auf abgenutzten Sitzpolstern. Haltestelle. Eine ältere Dame mit sichtbarer Gehbehinderung tritt ein. Niemand steht auf. Sie traut sich nicht, zu fragen. Lehnt an der Tür. Krallt ihre schwachen zittrigen Finger an einen Haltegriff.
Alles wie immer.

Vor 18.
Im Supermarkt tanzt ein Kind fröhlich durch die Gänge und trällert ein bekanntes Kinderlied. Ein Lächeln. Die Mutter mahnt es lautstark. „Jetzt hör auf mit dem Schwachsinn und benimm dich anständig!“ Unverständnis. Traurigkeit. Falsche Welt.
Alles wie immer.

Vor 19.
Eine Gruppe Jugendlicher unterhält sich vor einem Café. Übler Slang. Von „Abziehen“ ist die Rede. „Auf’s Maul, das Opfer!“ Übelkeit macht sich breit.
Alles wie immer.

Vor 20.
Entspannte Atmosphäre. Auszeit. Reservierter Tisch. 6 Personen. 6 Smartphones. 8 Sätze in 20 Minuten.
Alles wie immer.

Vor 22.
Mülltonnen vor einem Mietshaus. Aus der Bio-Tonne lugt eine alte saitenlose Gitarre heraus.
Alles wie immer.

Vor 23.
Notebook an. Online. Schlagzeilen des Tages. Krieg. Gewalt. Terror. Armut. Notebook aus.
Alles wie immer.

Vor 24.
Schlafenszeit. Oder auch nicht. Lautstarkes Getrampel. Beben. Ein Blick nach oben. Vielleicht kommt heute jemand durch die Decke.
Alles wie immer.

Noch 1 mal schlafen bis alles wie immer.

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20 Gedanken zu “alles wie immer.

  1. Vor 10, 20 & 22 sprechen mich am Meisten an. Tja, und die Vor 18 stimmt auch mich traurig. So etwas ist leider häufiger zu beobachten und an mutigen Tagen mache ich da schon mal den Mund auf. „Entschuldigen Sie, gute Frau – Sie wissen, dass Sie Ihrem Kind damit die Freude am Leben nehmen?“ Na ja, ganz so nicht. Aber ganz ähnlich! 😉

    Lieben Gruß dir.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vor 10 war wirklich eine krasse Nummer. Manchmal weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich lache dann. Tränen.

      Mehr Mut. Meiner ist oft still. Im Stillen bin ich mutig. Manchmal auf Vol. 3. Mutige Tage. Wie wahr.

      Komische Welt manchmal.

      Liebe (mutige) Grüße zurück 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Tipp: Hier in Berlin kann man so etwas ganz gut auf die schnoddrige Art regeln. So vom Wortlaut und Tonfall her. Aber dat weeste wohl selba, wa? Also mich kostet die meist weniger Überwindung als etwa überkorrekt Kritik zu üben. Dass ich mir dabei selbst leicht debil vorkomme, stört mich weniger. 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Vieles spricht mir aus der Seele. Natürlich nur stellvertretend für ähnliche Situationen. Richtig guter Text. Darf ich den beizeiten auf meinem Blog plagiieren? Selbstverständlich nur in wissenschaftlich einwandfreier Zitierweise mit dem ausdrücklichen Verweis auf deinen Blog. Also doch kein Plagiat. 😉

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