leben 3.0

Ich bin 30. Inzwischen 30+3. Aber nicht 33. Gefühlt vielleicht schon. Heute zumindest. Mathematik war noch nie meine Stärke. Wein allerdings schon. Mit einem Gläschen rechnet es sich gleich viel besser. Jetzt ist es amtlich. 30er Stempel. Mit Farbe. Kein Bleistift. Kein Radiergummi. Kein Weg zurück. Generation 3.0. – Leben am Limit. Begebe mich ins Bad. Das Bad einer 30jährigen. Selbst ein Fremder würde darauf kommen. Ein Tigel Miracle Cream. Auf das Wunder warte ich immer noch. Ich sollte die Spuren verwischen. Arbeite an einem Plan, fancy Atrappen aufzustellen. Ob rosafarbener Lipgloss „20er“ genug ist? Vielleicht eine Feuchtigkeitslotion für junge Haut? Sagt man noch Lotion? Zum Glück bin ich jetzt erwachsen und weise. Lasse eh keinen Fremden ins Bad. Genieße jetzt besondere Privilegien. Offizielle Erlaubnis für Ü30-Partys, zu denen Ü40-Leute gehen. Gefühlt wäre ich unter dem Ü40-Partyvolk dann fast wie 20. Immerhin. Ein Glück, dass ich solche Partys meide seit ich 30 bin. Diese Rechnerei ist mir zu anstrengend. Suche mein 30jähriges Hirn nach weiteren Vorteilen ab, die das Alter mit sich bringt und finde kurz darauf ein Schreiben meines Mobilfunkanbieters, dass ich von dem „Junge Leute-Tarif“ fortan nicht mehr profitiere. In your face. Lese online einen Artikel, wonach Totalabstürze ab 30 nicht mehr an der Tagesordnung sein sollten. 30 Jährige sollten den eigenen Wert kennen und nicht mehr zu allem „Ja und Amen“ sagen. 30jährige sollten nach ihren eigenen Vorstellungen leben. Sollten. Sollten. Sollten. Fühle mich wieder wie 16. Damals, in einem Land vor unserer Zeit. So lange du die Füße unter meinem Tisch hast…! Und ich dachte, mit 30 sind wir erwachsen und bräuchten niemanden mehr, der uns sagt, was wir tun und lassen sollten. SOLLTEN – schreckliches Wort. Ich mache da nicht mit. Totalabsturz. Widme mich wieder den wichtigen Dingen des Lebens. Muffins. Mit 30 hat man halt seine Prioritäten. Aus Spaß schreibe ich mir selbst nachträglich eine Geburtstagskarte. Mir fällt aber kein Spruch ein. Mit 20 wäre das nicht passiert. Muss dringend etwas tun, damit es mir besser geht. Setze mich 30 Minuten lang mit Ohrstöpseln vor’s Altersheim und höre auf Dauerschleife „Für immer jung“. Schon besser. Ein älterer Herr, so etwa 30×2 setzt sich neben mich auf die Bank. Er beginnt ein Gespräch.

„Wissen Sie, junge Dame. Sie erinnern mich an meine Frau vor 30 Jahren. Sie hatte den gleichen Ausdruck in den Augen. Worüber denken Sie nach?
„Ach wissen Sie… Über die Zeit. Die Vergänglichkeit. Das Alter.“
Der alte Mann lacht.
„Meine liebe, Sie sind witzig! Es ist doch eigentlich ganz einfach.“
„Einfach? Inwiefern?“
„Verbannen Sie das Grübeln aus Ihrem schönen Gesicht. Die Rechnung geht nicht auf!“
Er hält kurz inne. Schmunzelt leicht. Die kleinen Grübchen sind zauberhaft.
„Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein!“
Wir lachen beide. Und der alte Mann geht seines Weges.

Zu Hause angekommen nehme ich mein Leben an die Hand. Kräftiger Händedruck. Herzlich Willkommen. Schön, dass du da bist. Meine 30. Und klebe ein Post it an meinen 1 Jahr alten Kühlschrank.

  1. Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein!
  2. Lächeln!
  3. Scheiß auf Drittens!
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12 Gedanken zu “leben 3.0

  1. Und wieder ist meine Laune nach dem Lesen einer deiner Texte auf einer Skala von 0 bis 10 um mindestens 3 Punkte nach oben gehüpft. Danke dafür!
    So, und nun kleb ich den gleichen Post it an meinen, äh, 30+1 Jahre alten Kühlschrank! Yuppiiieee! 😉

    Lieben Gruß dir.

    Gefällt 1 Person

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