und dann war wieder sommer.

Während draußen die letzten noch übrig gebliebenen Blätter von den Bäumen fallen und der Wind nahezu forsch durch die kleinen Ritzen in den Fensterrahmen des alten Hauses pfeift, brennt in ihrem Zimmer noch Licht. Die schweren Vorhänge sind nicht ganz zugezogen. Auf dem Nachttisch liegen einige Bücher, ein paar Stifte und eine große Tasse köstlich duftender Tee. Daneben flackert warmes Licht in einem geschwungenen alten Kerzenhalter auf. Leise tönt ein ruhiger Song aus einem CD-Spieler.

Ihre Kleidung für den morgigen Tag liegt sorgfältig zurechtgelegt, aufeinander abgestimmt und bis ins kleinste Detail durchdacht über einem weißen Holzstuhl neben ihrem Bett. Sie ist Perfektionistin. Eine halbe Ewigkeit brauchte sie. Sie möchte gut aussehen. Einen guten Eindruck machen. Souverän erscheinen. Seriös aber auch schick, elegant und ein bisschen hip. Wenige Zentimeter weiter hängen Hosen, Blusen, Kleider, Tops, Blazer, Satin, Volants, Jeans, Ketten, Uhren, Handtaschen, Perlenohrringe, Gefühle und Gedanken wild durcheinander an Kleiderständern und Bettpfosten. Es scheint, als würde alles harmonieren und doch nicht zueinander passen. Sie ist ernst geworden. Wie ihr Leben. Ihre Kleidung.

Inmitten des Kleiderberges sitzt sie. Ihre Beine ineinander verschränkt. Ein Blick in den Spiegel verrät ihr, was sie längst wusste. Verkleidet. So fühlt sie sich. Dabei mag sie Kostüme doch so sehr. Rollen, in die sie schlüpfen kann. Darin ist sie gut. Dabei ist das einzige, was sie tragen möchte, ihr Herz. Ihr Blick bleibt an einem bodenlangen fließenden altrosafarbenem Kleid hängen. Sie hatte längst vergessen, dass es existierte. Jahre ist es her. Sie weiß noch, wie sich sich damals gefühlt hatte, als sie es trug. Verspielt. Leicht. Romantisch. Verträumt. All das, was sie jetzt nicht mehr ist. Neben dem Kleid liegt eine kleine hübsche Clutch, die sie passend dazu getragen hatte. Sie greift danach. Fährt mit ihren Fingerspitzen die Konturen der verschnörkelten Schließe entlang. Schließt für einen kurzen Moment die Augen. Und dann ist wieder Sommer.

Als sie am nächsten Morgen auf dem Holzboden aufwacht, legt sie alle Kleidungsstücke wieder zurück in die Schränke. Sorgfältig hängt sie die Blusen auf weiße Bügel, die Bügel dann auf weiße Kleiderstangen in ihren weißen Kleiderschrank. Ihr schwarzer Blazer, den sie heute tragen wollte, hängt umgeben von anderen schwarzen Blazern im Schrank. Auch ihre teuren schwarzen Pumps verstaut sie. Daneben ihre Aktentasche.

Draußen ist Herbst. Es ist kalt. In ihrem bodenlangen zarten Sommerkleid verlässt sie das Haus. Mit einem Lächeln.

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4 Gedanken zu “und dann war wieder sommer.

  1. Eine schöne kleine Geschichte, die mir – auch wenn ich keine Kleider trage! – verrät, wie seinem perfektionistischen Anspruch ein Schnippchen zu schlagen ist. Oder: Das perfekte Lächeln ist gar kein Lächeln! 🙂

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    1. Interpretationen sind immer wieder schön 🙂 Vielleicht trotzte sie auch dem kostümierten Leben, der Jahreszeit, den Zwängen und Erwartungen und tat einfach mal nur das, was sie wollte, mit dem sie sich fühlte. In diesem einen Sommer.

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