verschwende deine zeit.

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erkenntnis süss-sauer.

Halloween. Jedes Jahr. Immer wieder.

Ehrlich gesagt habe ich keine wirkliche Meinung zu Halloween. Ich finde Halloween weder toll, noch lästig. Aber ich mag Kinder. Und Streiche. Und Verkleidungen. Und Süßigkeiten. Also mag ich Halloween. Doch. Irgendwie.
Leider habe ich oftmals ein Kopf wie ein Sieb was Daten anbelangt. So kommt mir regelmäßig wenige Tage vor Halloween der Gedanke „noch 3 mal schlafen bis Halloween“. Am 31.10. ist der Gedanke dann wieder weg. Jedes Jahr. Und dann steh‘ ich da. Nix Süßes. Das macht mich sauer.

Also schnell noch ab in den Supermarkt meines Misstrauens und für drölfzigtausend Euronen (jedes Jahr an Halloween spreche ich eine mir unbekannte Sprache) den Einkaufswagen voll laden. Auf der Zielgeraden Richtung Kasse frage ich eine nette Supermarkt-Mitarbeiterin, ob sie mir verrät, wo sie ihr Kostüm käuflich erworben hat und kassiere eine gruselige Fratze. Ich gebe ihr dafür 2 Kuhbonbons. So geht Halloween.
Wieder zu Hause angekommen leere ich die Einkaufstüten. Gummibärchentüten. Mini-Kit Kats. Mini-Mars. Mini-Snickers. Kuhbonbons. Lollies. Ein Wäschekorb voll. Es kann losgehen.
Überlege kurz, ob ich mir noch schnell ein Kostüm besorgen soll. Entscheide mich dann, dass ich als „ich“ gehe. Gruselig genug. Alles klar. Es kann jetzt wirklich losgehen.

Habe seit 10:00 Uhr nicht das Haus verlassen. Nicht, dass ich die Kostüme verpasse. Es ist inzwischen Nachmittag. Der Einkaufskorb steht immer noch so da. Okay. Ich gebe es ja zu. Habe 13 Mini-Kit Kats und 4 Kuhbonbons gegessen. Fällt aber gar nicht auf. Klingelt auch keiner. Wann fängt dieses Halloween denn jetzt an? Schaue kurz in den Kalender, ob heute wirklich Halloween ist. Stelle fest, dass in deutschen Kalendern „Halloween“ kein eintragungspflichtiges Ereignis ist und google dann, wann Halloween-Tag ist. 31.10. Alles gut. Puh. Das war knapp. Darauf noch ein Mini-Kit Kat. Es wird langsam dunkel draußen. Eine kleine Spinne krabbelt verdächtig langsam an meinem Fuß vorbei. Ein Zeichen. Die Geisterstunde beginnt. Gebannt warte ich auf einem Hocker sitzend vor der Haustür. Neben mir der überdimensionale Wäschekorb. Halb voll. Verfalle in eine Art Trance, nachdem ich etwa 25 Minuten lang eine abgesplitterte Stelle an der Wohnungseingangstür fixiert habe. Irgendwann holt mich die Klingel aus diesem Zustand. Innerlich mache ich Luftsprünge, weil ich mich so freue, endlich mal in echt Hexen, Zauberer, Zombies und Fledermäuse zu Gesicht zu bekommen. Ich öffne mit meinem Wäschekorb in den Händen in Sekundenschnelle die Tür. Doch da steht keine Hexe. Und auch keine Fledermaus. Der Nachbar aus der dritten möchte sein Paket, das hier abgegeben wurde, abholen. Ich lege einen Lolli oben drauf und frage ihn, ob er nicht nochmal verkleidet runterkommen möchte. Er läuft sehr schnell nach oben. Schade.

Um 18:00 Uhr klingelt es erneut. Hatte schon die Hoffnung aufgegeben und meine Trauer mit diversen Süßigkeiten kompensiert. Wodurch ich noch trauriger wurde. Schokolade macht doch nicht glücklich. Langsam öffne ich die Tür und da stehen sie zu Dritt. Verkleidet. „Süßes oder Saures?!“ rufen sie. Ich bin überglücklich. Gerade höre ich mich sagen „Ihr seht aber niedli… ZUM GRUSELN!“ aus und überschütte sie mit dem Inhalt des Wäschekorbes. Im Weggehen höre ich sie kichern und flüstern. Vielleicht ein Zauberspruch.

Wenig später rufe ich beim Chinesen um die Ecke an. Bestelle Bratnudeln süss-sauer. Als ich die Tür dieses Mal öffne, bringt mir ein Skelett mein Abendessen. Vor Schreck entgleitet mir ein lauter Schrei. Der Skelett-Typ vom Bringdienst lacht und legt einen Glückskeks dazu. Als ich den Keks am Abend durchbreche und den Zettel entrolle, starren mich diese Worte an: „Nichts verleiht mehr Sicherheit als eine Maske – Happy Halloween!“

An diesem Abend sitze ich lange auf meiner Couch und denke nach. Halloween. Für manche ist das jeden Tag.

alles wie immer.

Montag.

Vor 9. In der Bahn füttert eine Mutter ihr Baby mit Dany Sahne Schokopudding.
Alles wie immer.

Vor 10. An der Haltestelle steht ein Mann. Stranger Typ. Biologisch Mitte 30. Äußerlich Mitte 50. „Haste mal ne Aspirin? „Nein, leider nicht!“ „Ich nehm‘ auch ne Paracetamol!“ „Nein, die hab ich auch nicht!“ „Dann irgendwas anderes an Pillen?!“ Sicherheitsabstand.
Alles wie immer.

Vor 11.
Ein Paar streitet mitten auf der Straße. „Ey du Schl****, jetzt bleib stehen!“ Ein paar vereinzelte herausgerissene Haare fliegen durch die Luft. Geschrei. Alle gucken. Und dann weg.
Alles wie immer.

Vor 12.
Warteschlange bis nach halb 1. „Einen Vanilla latte bitte!“ „3,80 €!“ Small talk gratis. „Wie geht es dir?“ „Ja!“
Alles wie immer.

Vor 15.
Vor dem Bahnhofsgebäude liegt in einer dunklen kalten Ecke ein Obdachloser mit geschlossenen Augen. Die Lippen schmale Schlitze. Harter Steinboden. Harte Gesichtszüge. Hartes Leben. Vor ihm eine zerfledderte Holzschachtel. Hat schon bessere Zeiten gesehen. Oder auch nicht. Ein anderer Obdachloser (?) stiehlt ihm die wenigen bronzefarbenen Münzen.
Alles wie immer.

Vor 16.
Bahn. Menschen reihen wie Hühner auf der Stange eng aneinander auf abgenutzten Sitzpolstern. Haltestelle. Eine ältere Dame mit sichtbarer Gehbehinderung tritt ein. Niemand steht auf. Sie traut sich nicht, zu fragen. Lehnt an der Tür. Krallt ihre schwachen zittrigen Finger an einen Haltegriff.
Alles wie immer.

Vor 18.
Im Supermarkt tanzt ein Kind fröhlich durch die Gänge und trällert ein bekanntes Kinderlied. Ein Lächeln. Die Mutter mahnt es lautstark. „Jetzt hör auf mit dem Schwachsinn und benimm dich anständig!“ Unverständnis. Traurigkeit. Falsche Welt.
Alles wie immer.

Vor 19.
Eine Gruppe Jugendlicher unterhält sich vor einem Café. Übler Slang. Von „Abziehen“ ist die Rede. „Auf’s Maul, das Opfer!“ Übelkeit macht sich breit.
Alles wie immer.

Vor 20.
Entspannte Atmosphäre. Auszeit. Reservierter Tisch. 6 Personen. 6 Smartphones. 8 Sätze in 20 Minuten.
Alles wie immer.

Vor 22.
Mülltonnen vor einem Mietshaus. Aus der Bio-Tonne lugt eine alte saitenlose Gitarre heraus.
Alles wie immer.

Vor 23.
Notebook an. Online. Schlagzeilen des Tages. Krieg. Gewalt. Terror. Armut. Notebook aus.
Alles wie immer.

Vor 24.
Schlafenszeit. Oder auch nicht. Lautstarkes Getrampel. Beben. Ein Blick nach oben. Vielleicht kommt heute jemand durch die Decke.
Alles wie immer.

Noch 1 mal schlafen bis alles wie immer.

seitenwechsel.

Schlag‘ das Leben auf.
Wie ein Buch.
Blättere vor und zurück.
Nächstes Kapitel.
Heute times new roman.
Kursiv und fett.
Morgen comic sans.
Ständiger Wechsel.
Mal Lyrik.
Mal Prosa.
Mal Witz.
Mal Drama.
Finde die Stelle nicht.
Bis der Einband bricht.
In tausende Teile.
Buchstabenwirrwarr.
Wo war ich nochmal?
Nächstes Kapitel.
Immer auf der Suche.
Nach Zeichen.
Auf abgenutzten Seiten.
Doch zwischen den Zeilen.
Spuren von Glück.
Mach‘ das Herz weit.
Bereit.
Für ein neues Buch.
Denk‘ an ein Lesezeichen.

leben 3.0

Ich bin 30. Inzwischen 30+3. Aber nicht 33. Gefühlt vielleicht schon. Heute zumindest. Mathematik war noch nie meine Stärke. Wein allerdings schon. Mit einem Gläschen rechnet es sich gleich viel besser. Jetzt ist es amtlich. 30er Stempel. Mit Farbe. Kein Bleistift. Kein Radiergummi. Kein Weg zurück. Generation 3.0. – Leben am Limit. Begebe mich ins Bad. Das Bad einer 30jährigen. Selbst ein Fremder würde darauf kommen. Ein Tigel Miracle Cream. Auf das Wunder warte ich immer noch. Ich sollte die Spuren verwischen. Arbeite an einem Plan, fancy Atrappen aufzustellen. Ob rosafarbener Lipgloss „20er“ genug ist? Vielleicht eine Feuchtigkeitslotion für junge Haut? Sagt man noch Lotion? Zum Glück bin ich jetzt erwachsen und weise. Lasse eh keinen Fremden ins Bad. Genieße jetzt besondere Privilegien. Offizielle Erlaubnis für Ü30-Partys, zu denen Ü40-Leute gehen. Gefühlt wäre ich unter dem Ü40-Partyvolk dann fast wie 20. Immerhin. Ein Glück, dass ich solche Partys meide seit ich 30 bin. Diese Rechnerei ist mir zu anstrengend. Suche mein 30jähriges Hirn nach weiteren Vorteilen ab, die das Alter mit sich bringt und finde kurz darauf ein Schreiben meines Mobilfunkanbieters, dass ich von dem „Junge Leute-Tarif“ fortan nicht mehr profitiere. In your face. Lese online einen Artikel, wonach Totalabstürze ab 30 nicht mehr an der Tagesordnung sein sollten. 30 Jährige sollten den eigenen Wert kennen und nicht mehr zu allem „Ja und Amen“ sagen. 30jährige sollten nach ihren eigenen Vorstellungen leben. Sollten. Sollten. Sollten. Fühle mich wieder wie 16. Damals, in einem Land vor unserer Zeit. So lange du die Füße unter meinem Tisch hast…! Und ich dachte, mit 30 sind wir erwachsen und bräuchten niemanden mehr, der uns sagt, was wir tun und lassen sollten. SOLLTEN – schreckliches Wort. Ich mache da nicht mit. Totalabsturz. Widme mich wieder den wichtigen Dingen des Lebens. Muffins. Mit 30 hat man halt seine Prioritäten. Aus Spaß schreibe ich mir selbst nachträglich eine Geburtstagskarte. Mir fällt aber kein Spruch ein. Mit 20 wäre das nicht passiert. Muss dringend etwas tun, damit es mir besser geht. Setze mich 30 Minuten lang mit Ohrstöpseln vor’s Altersheim und höre auf Dauerschleife „Für immer jung“. Schon besser. Ein älterer Herr, so etwa 30×2 setzt sich neben mich auf die Bank. Er beginnt ein Gespräch.

„Wissen Sie, junge Dame. Sie erinnern mich an meine Frau vor 30 Jahren. Sie hatte den gleichen Ausdruck in den Augen. Worüber denken Sie nach?
„Ach wissen Sie… Über die Zeit. Die Vergänglichkeit. Das Alter.“
Der alte Mann lacht.
„Meine liebe, Sie sind witzig! Es ist doch eigentlich ganz einfach.“
„Einfach? Inwiefern?“
„Verbannen Sie das Grübeln aus Ihrem schönen Gesicht. Die Rechnung geht nicht auf!“
Er hält kurz inne. Schmunzelt leicht. Die kleinen Grübchen sind zauberhaft.
„Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein!“
Wir lachen beide. Und der alte Mann geht seines Weges.

Zu Hause angekommen nehme ich mein Leben an die Hand. Kräftiger Händedruck. Herzlich Willkommen. Schön, dass du da bist. Meine 30. Und klebe ein Post it an meinen 1 Jahr alten Kühlschrank.

  1. Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein!
  2. Lächeln!
  3. Scheiß auf Drittens!