in vino veritas. oder lieber nicht.

Ziemlich weinig der Wein heute denke ich. Seit 67 Minuten. So lange schaue ich nämlich schon ins Glas. Zu tief ins Glas geguckt sage ich mir in Gedanken und schmunzele über meinen außerordentlich guten Witz. Witze kann ich. Denke ich. Und muss wieder lachen. Und ins Glas schauen. In vino veritas sagt man doch. Im Wein liegt die Wahrheit. Doch seit 67 Minuten NICHTS. Keine Antwort. Der Wein will nicht reden. Vielleicht stelle ich die falschen Fragen. Nochmal. Es steht vor mir. Direkt auf dem Tisch. Und starrt mich an. Es macht mich immer verlegen, wenn mich Gläser anstarren. Ich starre zurück. Wieder Nichts. Es kommt einfach keine Antwort. Keine Reaktion. Ich überlege. Ich überlege grundsätzlich ziemlich lange, wenn ich überlege. Zunächst überlege ich, warum es überhaupt überlegen heißt. Ich fühle mich überlegen. Welch’ Wortwitz! „Ich bin ein sehr humorvoller Mensch“ notiere ich mir schnell auf ein Post it. Grundsätzlich notiere ich alle Eigenschaften, die ich an mir entdecke, auf diese kleinen selbsthaftenden Zettel. Seitdem geben mir Klebezettel Sicherheit. Und Geborgenheit. Warum ich das mache, weiß ich nicht. Lies! Du musst den Wein lesen! flüstert es indessen kaum merklich aus Richtung Flasche. Ich befolge den Rat. Flaschen haben einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Also beuge mich vorsichtig über das Weinglas und versuche, in der unendlichen Tiefe des Rotes etwas zu erkennen. Ich kann nichts lesen. Sicherlich hat sich meine Sehkraft verschlechtert. Schnell bestelle ich online eine überteuerte Lesebrille. Ich schätze meine Dioptrien auf -3,25. Werfe noch kurz einen Blick auf meine 6 x 6 m große Klebezettel-Fahndungswand und finde die entscheidende Notiz „Kann gut Raten“. Sende die Bestellung ab. Notiere mir „Kann gut Probleme lösen“ auf einen Post it und starre weiter auf das Glas.

Du musst den Wein trinken, um an die Wahrheit zu kommen höre ich meine innere Göttin eindringlich sprechen. 14 Gläser später. Meine innere Göttin hat nun ein Alkoholproblem. Und ich immer noch keine Antwort. >Google< denke ich mir und gebe ins Suchfeld „Der Wein spricht nicht“ ein. Das erste Suchergebnis, das ich erhalte, bringt mich zum weinen. „Der Wein spricht deutsch“ lese ich. Ich wusste es. Ich bin adoptiert. Gehöre gar nicht hier her. Spreche nicht mal eure Sprache. Falle in ein tiefes Loch. Und muss erstmal was trinken. Habe 2 Flaschen ausgetrunken. Es geht mir nicht gut. Betrunken in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht verstehe. Ich brauche anderen Wein. Wein, der meine Sprache spricht. Überlege, welche Sprache das sein kann und suche im Regal des gut sortierten Supermarkts nach „alkoholisch“. Kaufe alles leer. Bin jetzt pleite. Aber in guter Gesellschaft. Habe alle Flaschen geöffnet. Und dekantiert. 13 Stunden später höre ich den Wein. Er atmet. Ich lege mich auf den Boden, der jetzt ein roter See ist. Ich schließe die Augen. Es duftet nach Trauben. Nach Provence. Nach Lavendelfeldern. Drohe, zu ertrinken, weil der Pegel die 0,30 m erreicht und ich flach auf dem Rücken liege. Vielleicht muss ich tauchen, um die Wahrheit zu finden. Schaffe es, mich umzudrehen und paddele langsam los. Muss meine Nase zuhalten, damit nichts reinläuft. Nervig. Kann außerdem nichts sehen. Warum ist Wein eigentlich nicht klar? So wie das Meer? Ich gebe sofort wieder auf. Hat keinen Sinn. Hier werde ich nichts finden. Keine Wahrheit.

Enttäuscht schlafe ich ein. Zumindest habe ich das Gefühl, zu schlafen. Könnte aber auch ein anderer Zustand sein. Wer weiß das schon. Meine Träume sind rot. Tiefrot. Dunkel. Mitten in der Nacht wache ich ganz plötzlich auf. Geräusche. Hier. Ich höre die leeren Weinflaschen, die im See, der sich nun kniehoch in meiner Wohnung gebildet hat, schippern, leise flüstern…

„Merkwürdige Sitte, mit den Gläsern anzustoßen, was?“ sagt die eine Flasche
„Finde ich nicht. Im Wein liegt bekanntlich Wahrheit. Und mit der Wahrheit stößt man überall an…“ 

Von diesem Moment an höre ich auf. Werde den Wein nicht mehr belästigen. Höre auf mit den Fragen. Manchmal reicht das, was wir glauben. Woran wir glauben. Manchmal malen wir uns unsere eigene Wahrheit. Und manchmal ist es gar nicht nötig, so genau hinzusehen. Manchmal reicht es, einfach die Augen zu schließen.

In vino veritas. Lasst uns anstoßen. Prost.

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17 Gedanken zu “in vino veritas. oder lieber nicht.

  1. Bilder, Bilder, Bilder…. Sie erinnern mich an Vergangenes, an einen schalen Geschmack im Mund. Ich liebe die Farben des Rotweins…. doch die leere Flasche in ihren Händen war ein Alb. Da lag sie im Bett wie ein Vorwurf. Dabei trank sie viel länger schon als ich sie kannte. Ich wollte sie verlassen. Ging noch nicht, denn weil sie sich betrank, kam ich zurück. Ein Teufelskreislauf. Ich sehe andere Bilder in Deinem blutroten See. Ich mache meine eigenes aus Deinen Sätzen.

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  2. …sehr schön! Leider spricht er mit mir auch selten – der Wein, vielleicht muss man dafür dem Wein einfach mehr zusprechen 😉 aber vielleicht auch lieber nicht mehr belästigen…ich überlege noch…

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  3. Das ist klasse – sehr gern gelesen! Besonders gefällt mit das anfängliche Zwiegespräch mit dir selbst. So schön selbstironisch und lakonisch geschrieben. Überhaupt mag ich deinen Erzählstil. Und deine „Manchmals“ zum Schluss stimmen dann auch mich versöhnlich, ja. Doch versöhnlich womit? Mit dem Wein? Dem Rausch? Den 67 Minuten? Keine Ahnung. Jedenfalls ein Schlusspunkt, der mich schon wieder lächeln lässt.

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