Laufträumen.

20:00 Uhr. Eine Zeit, die ihr liegt. Zu früh, um zu schlafen. Zu spät für eigentlich nichts. Die beste Zeit des Tages. Im Sommer, wenn die Hitze des Tages langsam abklingt, es aber noch warm genug ist, um stundenlang barfuß auf der Veranda zu sitzen, bis es dunkel wird. Und auch im Winter, wenn in den Fenstern der Straßen reihenweise die Lichter angehen, während draußen winzig kleine Schneeflocken vom Himmel herabfallen, um dann irgendwann lautlos den Boden zu berühren. Aber auch im Frühling und im Herbst. 20:00 Uhr ist ihre 4-Jahreszeiten-Zeit. Der anstrengende Teil des Tages ist vorüber. Erlebtes ist geschehen. Die Uhren laufen langsamer. Zeit zu träumen ist jetzt.

Ein kurzer Blick in den Spiegel. Dann zieht sie die Schnürsenkel ihrer Schuhe stramm. Eine Art Metapher. Einen kurzen Moment lang hält sie die Zügel ihres Lebens fest in der Hand. Und lässt dann los. Um loszulaufen.

Lauf. Lauf. Lauf.

Sie läuft. So schnell sie kann. Die Richtung ist egal. Hauptsache in Bewegung bleiben. Der Weg ist das Ziel. Durch ihre Adern fließt Musik.

…and we build up castles in the sky and in the sand

design our own world ain’t nobody understand
I found myself alive
in the palm of your hand
as long as we are flyin‘
All this world ain’t got no end…

Sie läuft auf jeder einzelnen Note. Läuft ihre eigene Melodie. Den Soundtrack ihres Lebens. Sie braucht keine schnellen Beats, um voranzukommen. Ihre Beine tragen sie bis ans Ende der Welt und noch ein Stück weiter. Ihre Sinne sind geschärft. Ihre Sohlen hinterlassen Abdrücke auf der feuchten dunklen Erde. Zwischen dem saftigen Grün duftet es nach Träumen. Zwischen prächtigen Baumkronen suchen sich die letzten warmen Strahlen der Abendsonne ihren Weg in ihr Gesicht. Eine Lichtung. Ein Lächeln.

Alles ist bunt. Rauscht. Sie ist berauscht. Vom Leben. Alles ist echt, wenn sie läuft. An den Baumstämmen ranken Gedanken empor. Vom Himmel fallen Sterne auf ihre Schultern. Laufen ist ihr Fühlen. Sie will nicht anhalten. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment. Es ist, als ziehe nicht das Leben an ihr vorbei. Es ist sie, die am Leben vorbei zieht. Und dabei das Tempo selbst bestimmt. Schneller. Sie läuft schneller als ihr Herz schlägt. Jede Woche ein kleines Stück weiter. Einen Meter. Zentimeter. In der Hoffnung, irgendwann bei sich selbst anzukommen.

Morgen läuft sie wieder. Morgen ist wieder 20:00 Uhr.

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4 Gedanken zu “Laufträumen.

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