Mama, warum darf der Jan denn nicht mein Freund sein?

Tim ist 3, seine Mutter 33. Tim versteht viel von der Welt, mehr als seine Mutter ihm zutraut. Dennoch versteht er zu wenig, um wirklich zu begreifen. Er tut das, was alle Kinder tun. Er hört auf seine Mutter. Folgt ihrem Beispiel. Hört auf, zu hinterfragen. Weil er keine Antworten bekommt. Zumindest keine, die er versteht. Eine traurige Geschichte.

Tim und Jan sind Freunde. So gute Freunde, wie man mit 3 Jahren sein kann. Also richtig dicke. Freunde für alle Zeiten. Bis morgen oder vielleicht aber auch für immer. Tim möchte Jan besuchen. Bei Jan zu Hause. Die Familie von Jan lebt von Hartz IV. Die Firma, in der Jan´s Vater seit mehr als 20 Jahren arbeitete, ging insolvent. Jan´s Vater findet innerhalb eines Jahres keine neue Anstellung. „Überqualifiziert“ sei er, hieß es in den letzten 48 Bewerbungsabsagen. Der Bezugszeitraum von Arbeitslosengeld I läuft ab. Die Familie lebt nun vom Existenzminimum. Das große gemietete Haus mussten sie verlassen. Jan und seine 2 Geschwister teilen sich nun ein Zimmer. Vater und Mutter weinen jede Nacht, genauso wie sie streiten. Sie sind mit den Nerven am Ende. Möchten ihren Kindern alles ermöglichen. Die Mutter geht nun jeden Abend, wenn die Kinder im Bett liegen, putzen, um die Mitgliedsbeiträge für die Sportvereine der Kinder bezahlen zu können. Um zu verhindern, dass die Kinder ausgeschlossen werden. Gemobbt und gehänselt werden. Es reicht, dass die Eltern jeden Abend mit Tränen in den Augen einschlafen. Viel Druck da draußen. Kapitalismus. Der schon im Kindergartenalter das Leben beherrscht.

Im Kindergarten ist heute wieder Stuhlkreis. „Mein Papa arbeitet…“ ist das Thema. Leon erzählt stolz von seinem Vater. Leon’s Vater ist Anwalt. Er verdient soooooo viel Geld (Leons Arme gehen weit auseinander) und kann ihm alles kaufen, was er will. Nina ist an der Reihe. Nina hatte letzte Woche Geburtstag. Sie trägt heute ihre Geburtstagsgeschenke. Ugg-Boots aus der neuen Kids-Collection, ein Strickkleid von Burberry, einen dazu passenden Hilfiger-Trenchcoat mit echtem Lammfell gefüttert, eine Wollstrumpfhose von Chloé und reichlich Schmuck. Die Kette von Tiffany gab es zu Ostern. Nina weiß nicht, wie viel 5 + 8 sind, dafür kennt sie aber den Gesamtwert ihres heutigen Outfits. 1.186,00 Euro. Das verdient der Vater von Anne während der Schlechtwetterzeiten. Anne´s Vater ist Straßenbauarbeiter. Voller Begeisterung erzählt Anne ihren Kindergartenkameraden und Kameradinnen, was ihr Papa da draußen so alles baut. Vor kurzem hat er „die Franzstraße neu gemacht.“ In der Franzstraße wohnt die Familie von Pascal. Pascal macht sich gerade lustig über Anne. „Mein Papa trampelt herum auf dem, was Dein Papa baut, haha!“ Anne fängt an, laut zu weinen und läuft aus dem Raum. Sie rennt in den Toilettenraum und setzt sich innen gegen die Tür. Sie möchte allein sein. Nachdenken. Und nimmt ihren Papa in Gedanken in Schutz. Anne ist ein trauriges Kind. Geworden. Zu oft machen sich andere Kinder über ihren Papa lustig. Dabei ist ihr Vater ihr Held. Anne wird mit der Zeit immer verschlossener. Ihre kindliche Unbefangenheit ist ihr genommen worden. Anne redet nur noch mit Jannis. Jannis redet nicht viel. Generell. Fast jeden Tag wird er von Lukas und Marco geärgert. Wegen seiner introvertierten Art. Und seiner Ohren, die leicht abstehen. Lukas und Marco reden schlecht über Jannis. Jeden Tag. Im Kindergarten. Jannis hat nun keine Freunde mehr. Während des „Mein Papa macht…-Tages“ ist nun Jannis an der Reihe. Er erzählt von seinem Vater. Sein Papa „macht Menschen gesund“. Er ist Arzt. Nun wollen Lukas und Marco auf einmal mit Jannis befreundet sein. Die Väter von Lukas und Marco sind auch Ärzte und legen großen Wert darauf, dass ihre Söhne sich mit „Gleichgesinnten“ anfreunden.

Es bilden sich Grüppchen. Die Kindergartengruppe „Die Marienkäfer“ gibt es schon lange nicht mehr. Die Gruppe ist gespalten. Es gibt nun „die Armen“ und „die Reichen.“ Tim gehört zu „den Reichen“. Das bedeutet, dass er nicht mit Jan spielen darf. Sagt seine Mutter, die erfolgreiche Investmentbänkerin ist. Tim versteht nicht, warum er seinen Freund nicht besuchen darf. Er weint. Seine Mutter tröstet ihn auf ihre Art und Weise. Mit einem neuen Lego-Spielzeug. Jan´s Vater versucht unzählige Male, bei der Mutter von Jan anzurufen. Er hinterlässt insgesamt 7 Nachrichten. An drei Tagen. Jan ist sehr traurig. Sein Vater versucht, ihn zu trösten. Ihm klar zu machen, dass es nicht an ihm liegt. Dass er wunderbar und toll ist, so wie er ist. Doch Jan’s Selbstbewusstsein ist bereits so sehr angeknackst, dass er sich gegen alles Positive verschließt. Jan ist nun ein trauriger kleiner Junge. Er ist 3 Jahre alt. Aber Elite. Der Rest vergeht. Sagt seine Mutter.

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14 Gedanken zu “Mama, warum darf der Jan denn nicht mein Freund sein?

  1. *seufz* Zum Glück ist mir das in 25 Jahren Arbeit mit Kindern und Jugendlichen noch nicht begegnet. Hoffentlich ein trauriger Einzelfall. Die Kinder leiden schon genug unter dem Leistungsdruck und den verworrenen Familienkonstellationen.

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  2. Leider sind solche Dinge – vor allem im Kleinen – mehr Realität, als wir uns Alle wünschen.
    Und leider ist dennoch nicht absehbar, dass wir aufhören, den Wert eines Menschen an unsere kapitalistischen Maßstäben fest zu machen. Schade, dass es schon auf das Leben der Menschen auswirkt, die eigentlich unbeschwert und glücklich sein sollten: der Kinder.

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