herztöne.

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Es ist nie nur ein Song.

Die Melodie schreibt die Nacht. Ich wohne zwischen den Zeilen. Heute Nacht. Lege ich mich in die Töne. Schließe die Augen. Ein Moment Ewigkeit. Ich verkrieche mich in die Lyrics. Laufe die Gitarrensaiten hoch. Und runter. Und wieder hoch. Schlage mein Herz an. Immer wieder. Sanftes Zupfen.

Ich spiele mich. Bis die Saiten glühen. Heute Nacht spiele ich Herztöne. Für die Sterne. Für das Meer. Die Nacht. Für das, was war. Was ist. Was kommt.

himmelzählen.

Manchmal frage ich mich, wo du gerade bist

ob du wohl auch gerade im Regen stehst

in den Himmel schaust und die Sterne zählst

eins, zwei, drei, vier, bis zum Mond und zurück

komm, steigen wir in den großen Wagen und lassen uns von den Träumen tragen

und einfach mal nichts sagen

nur schweigen und den Moment genießen

und mit unseren Fingerspitzen die Konturen des Mondes nachziehen

heute gibt es kein morgen, keine Zeit und keine Sorgen

wir legen uns in den Moment und lassen uns treiben

stranden irgendwo im Nachthimmel, wo uns keiner findet und

bleiben

betrinken uns an der Musik, die nur für uns spielt

und fliegen im Takt dieser Beats

wie viele Himmel noch bis zur Unendlichkeit?

 

 

 

Es ist der 31ste Herbst. Den Sommer vermisse ich nicht. Aber ich freue mich auch nicht auf den Winter. Ich bin ein Herbstkind. Geboren im goldenen Oktober. Und trage Silber. Kein Pullover kann mich wärmen. Selbst der dickste Mantel ist zu dünn. Die Kälte ist unerträglich. Ich bin (k)ein Herbstkind. Ich mag die Farben der Blätter, die draußen gerade – jetzt in diesem Moment – von den Bäumen fallen. Ich schließe die Augen und höre sie fallen. Blatt für Blatt. Ich trage schwarz. Ich bin kein Herbstkind. Ich bin die Jahreszeiten. Ich blühe auf. Verbrenne. Falle. Und gefriere. Es ist immer wieder dasselbe. Es ist unmöglich, alles auf einmal zu sein. Oder beständig zu sein. Die Dinge kommen und gehen. Der Wind legt sich kalt in meinen Nacken. Ich ziehe die Schultern an und laufe die Herzwände hoch. Sind wir schon da?

whatever.

Es ist ein unglaublich schöner Tag.

Mitten im Menschenmeer. Über uns der Himmel. Vor uns die Bühne. Es regnet in unsere strahlenden Gesichter. Nichts und niemand kann uns in diesem Moment etwas anhaben. Solange wir jung sind, solange wir frei sind, solange wir steil gehn‘ singt VONA und wir glauben das. Das Beste kommt noch. Unsere Haare sind nass. Die Sonne scheint. Erst ein Regenbogen, dann ein zweiter darüber. Habt ihr jemals zwei Regenbögen am Himmel gesehen? Wir lachen bis über beide Ohren und weiter. Wir machen den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag. Jede Textzeile könnte von uns stammen. Wir tanzen. Singen lauthals mit. Mitten im Regen unter den Bögen und wollen hier nie mehr weg. Alles hüpft, alles swagt, alles tanzt.  Der nächste Song. Die Klänge der Instrumente gehen ins Mark. Unsere Herzen schlagen synchron zum Beat. Wir schließen kurz die Augen. Melancholie.

PAUSE. Vor uns unterhält sich eine Gruppe junger Mädchen. Freundinnen. Wir vor 15 Jahren. Oder irgendwie anders. Die Karten mit ihrem Taschengeld gekauft. Emma liebt den Gitarristen. Ein paar Konzerte lang. Vielleicht auch für immer. Egal. Solange wir jung sind, so lange wir frei sind, so lange wir steil gehn‘. Eine der Freundinnen wirft sich eine Pille ein. Pflichtbewusst um 20:00 Uhr – was haben Sie gedacht?! Sie unterhalten sich. Über das Leben. Über die Liebe. Und es ertönt „Wo ist der Sinn, Sinn, der mich am Leben hält?“ Und ich denke mir: scheiße, verdammt.  Habt ihr ein Glück. Dass das Beste noch kommt. Und die Menge springt.

Die Vorband verabschiedet sich. Und da kommt diese Melodie, dieses Lied, ich war nie so verliebt, war noch nie so verliebt und alles beginnt sich zu drehen.

Ich trage das Cap verkehrherum. Und springe mit dir an der Hand und der Musik im Herzen Richtung Himmel. Verrückte Nacht.

nachts ist alles möglich.

Ich schreibe mir die Nächte um die Ohren. Die Worte, die meinem Herzen entspringen, sind fühlbar. Spürbar. Millimeter für Millimeter kann ich jeden einzelnen Buchstaben, jedes Satzzeichen, auf dem Weg über meine Schultern bis hin zu meinen Armen und Handgelenken bis über meine Fingerspitzen, die sich dann auf die Tatstatur legen, fühlen.

Die Wände sind weiß. Meine Hände bluten, weil ich nicht weiß, wohin mit all den Zeilen. Ganze Wohnhäuser könnte ich bemalen. Vielleicht wären es auch bloß Punkte, die funkeln würden wie Sterne, bei dem Versuch, mich zur Sprache zu bringen. Ich öffne ein neues Dokument. In Sekundenschnelle habe ich mehrere Seiten gefülllt. Wirrwarr. Niemand, der versteht, was geschrieben steht. Eine Sprache, die noch nicht erfunden ist. Worte, für die es keine gibt. Meine Hieroglyphen werden musikalisch unterstützt. In den Noten liegt die Antwort. Man muss nur hinhören.

Ich höre immer wieder den gleichen Song. Und schlage mir die Nächte um die Ohren. Es sind die Töne, diese aberfeinen Klänge, die ausdrücken, was für scheinbar alle nicht entzifferbar geschrieben steht. Ich schließe die Augen. Alles ist klar. Sobald ich die Instrumente höre, kehrt innerliche Ruhe ein. Ich höre die Musik noch lange, nachdem sie ausgeschaltet ist. Manchmal spiele ich nachts auf der Gitarre die Sterne nach.